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Max Beauvoir : Lasst uns allein!

25.01.2011 11:44 Uhrvon
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Welt  21.01.2011  MinVoodoo-Priester

Fürsprecher der Opfer: Besuch bei Max Beauvoir, dem Hohepriester des Voodoo in Haiti und studierter Biochemiker.

Wie eine kosmische Verbindung steht der Baum mit den gigantischen Luftwurzeln am Eingang zu Max Beauvoirs Reich. Palmen wiegen sich im leichten Wind, spenden in Haitis Mittagshitze Schatten. Drei weiße Tauben tummeln sich im Geäst. Ein Haus aus Feldsteinen mit roten Fensterläden duckt sich unter das Dach aus Grün. Drinnen an den Wänden golden gerahmte Fotos, hinten ein riesiger ovaler Tisch, vorn blaue, rote, grüne Korbstühle. „Hier versammeln wir uns“, erklärt der Hohepriester des haitianischen Voudou, und Rottweiler Brave bellt wie zur Bestätigung. Doch dieser Versammlungsort taugt wohl nur für kleine Runden.

Das eigentliche Voudou-Zentrum „Le Peristyle de Mariani“, gut eine Autostunde vom Zentrum der Hauptstadt entfernt, hinter stinkend-kokelnden Abfallbergen und staubigen Planencamps, liegt ein paar Meter weiter: ein halbrundes Amphitheater, Bilder magischer Figuren zieren den Beton der Sitzreihen.

An einem Ende ein Wasserbecken, am anderen die Aschereste eines Feuers. Unter einem von Säulen getragenen Dach am Rand stapeln sich weitere Korbstühle und die unabdingbaren schlanken Trommeln. Nebenan steht der Tempel für die Geister, die Loas. 400 bis 450 Menschen aus dem ganzen Land kommen zu den Zeremonien, „wir feiern an bestimmten Tagen, die Zeremonien orientieren sich an der Sonne oder dem Mond“, sagt Beauvoir und malt Gestirne auf einen Tisch. Die zur Sonne gehörenden werden tagsüber, die mit dem Mond verbundenen nachts gefeiert.

Voudou ist in Haiti seit 2003 offiziell Staatsreligion. Lange aber wurde der Voudou-Kult verfolgt. Die Kolonialherren fürchteten die Versammlungen ihrer Sklaven. „Eine Voudouversammlung am 14. August 1791 war der Auftakt zur Befreiung des Landes“, greift Beauvoir weit zurück in die Geschichte Haitis, dessen Bewohner damals vor allem Sklaven aus afrikanischen Ländern waren. „Die Voudou-Anhänger haben dieses Land gemacht.“ Es heißt, 80 Prozent der Haitianer sind Katholiken, 20 Prozent Protestanten, aber 100 Prozent glauben an Voudou, die Religion aus Afrika mit ihren 421 Gottheiten.

Max Beauvoir gemahnt so gar nicht an schwarzeMagie und Nadelpuppen, er ist ein distinguierter Herr Anfang 70 mit kurzem, kräftig gekräuseltem grauen Haar. Sein dezent besticktes weißes Hemd fällt locker, seine Ansichten sind glasklar. Er spricht Englisch mit französischem Akzent und raucht Marlboro light. Der oberste Voudoupriester (Houngan) hat in Paris und den USA studiert. Nicht Parapsychologie, er ist Biochemiker. Zombies, Puppen, Blutorgien – „das ist nicht Voudou, das ist Hollywood“, ärgert er sich über das Bild von seinem Glauben, seiner Kultur, das von Japan bis Europa nur von Horrorfilmen geprägt sei. Voudou-Anhänger seien Menschen, die in Harmonie leben, gern mit ihrem Nachbarn teilen und niemandem etwas zuleide tun würden, wiederholt er immer wieder.

Max Beauvoir hat nicht nur einen Groll auf Hollywood, sondern auch auf die, die seit dem todbringenden Beben vor einem Jahr im Namen der Hilfe in sein Land einfallen. Auf die amerikanischen Evangelikalen ist er besonders schlecht zu sprechen. Die, sagt er, haben sein Land gespalten. Sie hätten die Ärmsten der Armen im Lande korrumpiert und sie dazu gebracht, in Jeremie im Südwesten des Landes 50 Voudou-Priester bestialisch umzubringen, weil diese angeblich mit einem Zauberpulver auch noch die Cholera in das geschundene Land gebracht haben. Allein aus einem Krankenhaus in Jeremie werden im Moment täglich 50 neue Cholerafälle gemeldet.

An der Durchfallerkrankung sind nach offiziellen Zählungen bisher rund 4000 Haitianer gestorben. Die Evangelikalen und ihre Prediger hätten „die Ärmsten, diejenigen, die die Latrinen putzen“, aufgehetzt, aus den Menschen „wilde Bestien“ gemacht. Ihm hätten Leute sogar erzählt, für die Morde sei viel Geld gezahlt worden. Das alles habe nichts mit Voudou zu tun. „Keiner kann Cholera machen, sie nicht und nicht diese Priester“, schimpft Beauvoir. „Die, die diese Priester mit Macheten zerstückelt haben, sind Kriminelle, die ins Gefängnis gehören.“ Und er nennt Namen: Den des Radikalevangelikalen Pat Robinson, der das Beben als gerechte Strafe für die Anhänger des Voudou bezeichnet hatte. Auch Erweckungsprediger Franklin Graham und die Ikone der amerikanischen Rechten, Sarah Palin, würden die Haitianer aufhetzen. „Warum machen sie das nicht in Alaska mit den Eskimos?“ fragt er. „Es ist schlimm, dass 50 Priester getötet worden sind, aber noch schlimmer ist das Bild, dass sie allen Haitianern jetzt wieder anheften: Wilde Bestien, Teufel, Dämonen.“ Dabei hätten sich am 11. Januar, dem Vortag des Beben-Jahrestages, endlich Vertreter aller Religionen zu einer ökumenischen Veranstaltung zusammengefunden, mit den Vertretern des Voudou.

„Sie haben uns akzeptiert“, sagt er. „Das erste Mal in 200 Jahren.“ Das müsse nun auch der Rest der Welt akzeptieren, selbst wenn es nicht in dessen Weltbild passe. Prediger wie Graham und Palin seien „heute die Eroberer der neuen Welt, so wie Christoph Columbus“. Auch ihn hätten Radikale einzuschüchtern versucht, sein Auto attackiert, „weil ich rede“. Erst jetzt wieder, am Jahrestag des Bebens, hätten sie versucht, seine Rede auf dem Gelände nahe dem Präsidentenpalast mit lauter Beschallung zu stören.

Die meisten Voudou-Anhänger, drei Viertel der Bevölkerung, seien marginalisiert. Sie und ihre Kultur müssten wieder ihren Platz in Haiti haben, fordert Beauvoir. Derzeit würden praktisch nur Christen von der internationalen Hilfe profitieren, an Voudou-Anhänger werde nichts verteilt. Nicht einmal Schulen gäbe es für sie. „Im Voudou aber ist Wissen der Sinn des Lebens.“ Nach diesem Glauben lebe man 16 Mal, acht Mal weiblich, acht Mal männlich, in jedem Leben etwas schlauer auf dem Weg zur Weisheit. Im Voudou sei Leben ein ständiges Rein und Raus, vom Sichtbaren ins Unsichtbare und wieder ins Sichtbare – die Suche nach „der perfekten Person, die wir sein wollen“.

Für den Houngan ist die Entscheidung über die Zukunft Haitis klar. Er bedankt sich höflich für die international zugesagte Milliardenhilfe, die sei aber leider bis heute „eine Illusion“. Er sagt, dass auch Haitis Regierung korrupt sei. Aber spätestens am 14. Mai sei auch die mit dem Ablauf der fünf Jahre Regierungszeit von Präsident René Préval am Ende. Trotz allem sei es besser, die Haitianer ihr Schicksal allein in die Hände nehmen zu lassen. Damit meint Beauvoir alle Haitianer, überall auf der Welt, inklusive Ex-Diktatoren. Es sollte seiner Ansicht nach auch kein politisches Exil geben. „Alle Haitianer sollten zurückkommen, wir bauen gemeinsam unser Land auf.“ Auch für Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier gelte: „Er ist nicht mehr Haitianer als andere und nicht weniger.“ Seine Rückkehr sei „eine Einladung an alle Haitianer, zurückzukommen und zum Besten des Landes zusammenzuarbeiten“.

Das gilt nicht für die internationalen Helfer. Bereits seit Jahrzehnten seien Hilfsorganisationen aus aller Welt im Land. „Was hat es uns gebracht?“ fragt er aufgebracht. „Sie haben Ärger, Teilung und Respektlosigkeit gebracht. Sie wollen unser Land nach ihrem Bild aufbauen.“ Er holt noch weiter aus: „Haiti hat heute ein Volk, aber keine Nation. Das Land ist heute schwächer als zur Zeit der Sklaven.“ Was Haiti brauche, sei innerer Frieden. Das sei die Voraussetzung für Fortschritt, nicht all die fremden Ideen. „Die Rolle des Voudou ist das Harmonisieren aller Teile.“ Dann setzt sich Max Beauvoir ganz ruhig auf und sagt: „Lasst uns allein. Wir werden sicher ab und zu hungrig sein. Aber wir wissen, wie wir überleben. Mit ein paar Tropfen Zucker in unserem Wasser und einem Stück Brot. Danke für all die Hilfe. Aber: Lasst uns allein.“

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