Kultur : Max Beckmann: Katastrophen im Welttheater

Bernhard Schulz

Wohl kein zweiter deutscher Künstler hat sich derart häufig im Medium des Selbstbildnisses erforscht und in Frage gestellt wie Max Beckmann. Es ist ein bloßer, freilich bemerkenswerter Zufall, dass mit der Eröffnung der Braunschweiger Ausstellung "Max Beckmann. Selbstbildnisse" am vergangenen Donnerstag die Nachricht verbreitet wurde, das Gemälde "Selbstbildnis mit Trompete" aus dem Jahr 1938 solle am 10. Mai versteigert werden. Denn das Gemälde war der geheiligte Besitz von Beckmanns Freund und Förderer Stephan Lackner, nach dessen Tod im vergangenen Dezember die Erben jetzt auf einen Erlös von bis zu 20 Millionen Mark hoffen.

Dass ein deutsches Museum das Rennen macht, steht kaum zu hoffen. Dabei ist Beckmanns Bedeutung für die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts gar nicht zu überschätzen. Sein ungemein reiches malerisches µuvre ist über die Jahre in zahlreichen Ausstellungen auch thematisch erschlossen worden. Im Schatten stand immer das in jenen Gattungen kaum minder bedeutende zeichnerische und druckgrafische Werk.

Mit der Ausstellung des Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museums besteht jetzt die Gelegenheit, nicht nur das für Beckmann zentrale Thema der Selbstdarstellung kennenzulernen, sondern auch die merkwürdige Lücke zu schließen, die bei den Gemälden zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und dem Ende der Inflationszeit 1923/24 besteht. Beckmann hat in diesen Jahren wenig gemalt; und was entstand, fügt sich nicht zu einer kohärenten Entwicklung. Die grafischen Arbeiten, die in diesen Jahren den Schwerpunkt bilden und später wieder fast gänzlich der Malerei Platz machen müssen, liefern den Schlüssel. Beckmann, vom Krieg in eine schwere psychische Krise gestürzt, musste sich die Kunst erst mühsam zurückgewinnen. Das Scheitern seines letzten, im Anspruch noch aus der großspurigen Vorkriegszeit herüberragenden Riesenformats "Auferstehung" in den Jahren 1916/17 markiert den Wandel der Themen. Es bildet sich allmählich, was der Künstler später als "Circus Beckmann" halb ironisch, halb pathetisch umschrieb. Doch in den Mittelpunkt rückt immer wieder der Blick aufs eigene Ich.

Der Ausstellungsort erinnert daran, dass Beckmann in der alten Welfenstadt aufgewachsen ist, keine hundert Meter vom Museum entfernt, in dem er Rembrandts Familienbild bewunderte. Das nur nebenbei. Die Ausstellung versammelt mit 104 Blättern das Gros der grafischen Selbstbildnisse, wobei die Grenze über das Proträt im engeren Sinne hinausreicht. Fallweise haben Christian Lenz von der Münchner Staatsgalerie Moderner Kunst - dem Erstveranstalter - und Thomas Döring vom Braunschweiger Museum Selbstdarstellungen innerhalb größerer Kompositionen einbezogen, die für Beckmann ein zunehmend wichtiges Stilmittel wurden.

Schon die "Kriegserklärung" von 1914 zeigt, in einer Ecke und angeschnitten, den Kopf des Künstlers als Zeugen von Geschehnissen, die er nicht so sehr als konkrete Ereignisse, denn als Belege der condition humaine auffasst. Das ist das "Welttheater" mit seinem Akteur Beckmann. Doch zunächst kam der Schrecken, den der Sanitätssoldat in Belgien erfuhr. Die drei Selbstbildnisse von 1915 sind erschütternde Dokumente plötzlichen Vergreisens. Beinahe wie ein Totenschädel mutet der Kopf an, den Beckmann sich in der Kaltnadelradierung - seiner bevorzugten Technik - "Selbstbildnis mit Griffel" 1916/17 gab, als er psychisch wieder Fuß zu fassen suchte.

So birgt beinahe jedes Blatt der Ausstellung eine Fülle von künstlerischen und persönlichen Bezügen, verweist eines auf das nächste; ganz abgesehen davon, dass Grafikliebhaber sich an den verschiedenen Zuständen einzelner Motive delektieren können. Nach dem Krieg entsteht eine Reihe von Mappenwerken, deren berühmteste, die "Hölle" von 1919, vor nun auch schon wieder 18 Jahren Gegenstand einer dichten Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts war. Diese Mappen kommen in Braunschweig naturgemäß nicht zu vollem Recht, da sie allein auf das Thema des Selbstporträts hin befragt werden - und reichen Ertrag liefern. So ist ja bereits das Umschlagbild ein Selbstbildnis - als Clown, der dem Betrachter schnoddrig die "angenehme Aussicht" ankündigt, "sich vielleicht 10 Minuten nicht zu langweilen".

Nie war Beckmann derart expressiv wie in der "Höllen"-Mappe. Schon das im selben Jahr entstandene "Große Selbstbildnis" wirkt wie ein Vorgriff auf die Sachlichkeit, als deren Anreger sich Beckmann später sehen wollte. Tatsächlich blieb sein Einfluss auf zeitgenössische Künstler gering; seine katastrophische Welt bewohnte er allein. Selbst das häusliche Refugium geriet ihm im "Familienbild" von 1920 - von dem hier der Entwurf in Tinte zu sehen ist - zum stillen Unglück. In den zwanziger Jahren vermochte Beckmann diese Schrecken des Alltags zu objektivieren. Der Mappe "Berliner Reise" von 1922 mangelt es allerdings an der suggestiven Kraft der "Hölle". Später verwendete Beckmann auch ausgeführte Gemälde als Vorlagen für Grafiken.

Beckmanns Lage besserte sich Mitte der zwanziger Jahre in jeder Hinsicht; beruflich durch die Berufung als Professor an die Städelschule Frankfurt, und persönlich durch die zweite Ehe mit Mathilde "Quappi", die er so oft im Gemälde, kaum aber in der Grafik festgehalten hat. Aus Quappis Nachlass übrigens liegen die Skizzenbücher des Künstlers mit den - oft um Jahre vorangehenden - Gemäldeentwürfen in der Washingtoner Nationalgalerie - ein Schatz, der im Ganzen noch zu heben ist.

Beckmann hat in der Grafik nur ganz selten mit Farbe gearbeitet. Ein Hauptstück der Ausstellung ist das von Hand kolorierte Exemplar der Lithographie "Pierrot" von 1920, ein Geschenk für den Freund und Verleger Reinhard Piper. Das war die Maske, hinter der der Künstler seine Beobachtungen machen konnte. Tatsächlich ersteht in der Braunschweiger Ausstellung das Welttheater des grimmigen Melancholikers Beckmann aufs Neue.

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