Max Frisch als Architekt : „Halb nackt, halb bunt“

Der Schriftsteller als Architekt: Max Frisch baute in Zürich ein Freibad - sein einziges größeres Bauwerk. Noch heute kommen bis zu 5.000 Gäste pro Tag.

Vera Pache
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Der Architekt in dem Schriftsteller: Die Jury entschied sich 1943 für den Freibad-Entwurf von Max Frisch. -Foto: dpa

Wasser glitzert in der Sonne; leichte Wellen schlagen an den Beckenrand. Kindergeschrei, der Duft von Pommes frites und Sonnencreme: Ein Freibad unter vielen, könnte man meinen – und doch ist es eine ganz besondere Badeanstalt: Architekt war Max Frisch, der mit dem Freibad Letzigraben in Zürich sein einziges größeres Bauwerk verwirklichte. „Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest; ein paar alte Leutchen, die natürlich nicht baden, bewundern die vielen Blumen, und der Pavillon mit den blauweißen Stores, der auf dem Galgenhügel steht, hat stürmischen Betrieb. Noch wird alles, bevor es benutzt wird, wie ein neues Spielzeug betrachtet; nur die Kinder planschen drauflos, als wäre es immer so gewesen.“ Das schrieb Max Frisch in sein Tagebuch, als das Freibad 1949 nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde.

Auf 3,5 Hektar liegen insgesamt vier Schwimmbecken verteilt. Dazwischen Rasenflächen, Bäume und Beete. Im achteckigen Pavillon mit Terrasse ist ein Kiosk untergebracht. Er beruht auf einer Holzkonstruktion und ist weiß verputzt. „Nach dem Krieg gab es wenig Beton“, erklärt Bademeister Pierre Geering, „darum hat Max Frisch hier viel Holz verwendet.“ Im Eingangsbereich und an zwei Seiten des Bades liegen die Umkleiden, ebenfalls weiß verputzt. Alles ist sehr offen und luftig angelegt. Pierre Geering ist Künstler und seit 28 Jahren Bademeister im Freibad Letzigraben. Er ist nach wie vor überzeugt von Frischs Architektur: „Das Bad funktioniert sehr gut. Es ist sehr diskret und funktional, sehr schweizerisch“, sagt er.

1949 lag das Bad in einem Arbeiterviertel mit 80 000 Einwohnern. An heißen Sommertagen füllte sich das Bad mit bis zu 10 000 Schwimmgästen. Heute liegt die Obergrenze bei rund 5000 Besuchern. Ein Teil der Umkleiden wurde darum umfunktioniert. Dort, wo früher in Sammelumkleiden Straßenkleidung gegen Badehose getauscht wurde, sind heute verglaste Räume. Ein Teil ist einem kleinen Museum gewidmet, das sich mit der Geschichte des Bades und mit dem Architekten Max Frisch beschäftigt. Hier zeigt die Berliner Künstlerin Ute Schweizerhof gerade Videoprojektionen, Fotos und Soundcollagen, die sie im Prinzenbad in Kreuzberg aufgenommen hat.

Eigentlich hatte Max Frisch schon zu Schulzeiten Schriftsteller werden wollen, seine Eltern aber verlangten, dass der Sohn einen „anständigen“ Beruf lernt, und so begann er zunächst ein Germanistikstudium. Als sein Vater 1932 plötzlich starb, verließ Max Frisch die Universität. Gleichzeitig war er darauf angewiesen, selber Geld für seinen Unterhalt zu verdienen. Er schrieb Berichte, Reportagen und Erzählungen, von denen viele in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht wurden. Seinen eigenen Ansprüchen genügte diese Form des Schreibens nicht, und so begann Frisch im Herbst 1936 ein Architekturstudium an der ETH Zürich, das er 1940 mit dem Diplom abschloss.

Zwei Jahre später schrieb die Stadt einen Wettbewerb für eine Freibadanlage aus. Eingereicht wurden 65 Projekte. Am 13. August 1943 entschied sich die Jury für Frisch. In der Neuen Zürcher Zeitung hieß es über seinen Entwurf: „Sonne und Licht finden überall ungehinderten Zutritt, und jedes Ding steht an seinem richtigen Platz.“

Erst vier Jahre später, im August 1947, begannen die Bauarbeiten. In dieser Zeit kehrte Max Frisch zum Schreiben zurück. Es entstand das Theaterstück „Als der Krieg zu Ende war“. Während auf der Baustelle Becken ausgehoben, Verschalungen der Sprungtürme gegossen und die Kabinen gezimmert wurden, war Frisch mit den Proben für das Stück beschäftigt, „diese Tage, wo zwei Entwürfe so verschiedener Art sich verwirklichen dürfen, werden mir einmal als glückliche Tage erscheinen. Hier die Handwerker, dort die Schauspieler. Das Wirkliche: die Spannung dazwischen“. Das schreibt Frisch im Winter 1948 in sein Tagebuch. Seine Doppelexistenz als Schriftsteller und Architekt führte er noch bis 1954 weiter. Dann wurde das Architekturbüro aufgelöst.

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