Kultur : Max Mohr feiert Space-Partys bei Arndt & Partner

Katrin Bettina Müller

Infantilität ist längst kein Schimpfwort mehr. Seit Wallace & Grommit, ein Hund und sein Junggeselle aus Knetgummi, vor wenigen Jahren im Kino eine Fangemeinde deutlich über 18 Jahren erobern konnten, erlauben sich auch die Künstler wieder mehr, sich ihren Hang zum Kneten, Friemeln und Basteln einzugestehen. Der Trieb des Spiels mit dem Tabuisierten, dem Dreck, dem Abfall und dem Verborgenen verlangt nicht mehr nach Sublimierung und Transformation, sondern wird als Vergnügen und Kreativität gefeiert. Ganz nebenbei lässt man so die Luft aus den großen Gesten einer missionarisch ambitionierten Kunst und erfreut sich an kleinteiliger Alltagsnähe.

Die Skulpturen von Max Mohr, der 1992 mit 30 Jahren schon seine erste Einzelausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigen konnte, legen immer wieder nahe, sich eine Geschichte auszudenken: vom kleinen Jungen, der tief in den Kleiderschrank seiner Tanten eintaucht, in Nylons und Chiffons wühlt, sich in Bordüren verheddert, über Schachteln mit samtigen Kissen für Flakons rätselt und mit obskuren Teilen weiblicher Aufpolsterung und Zusammenschnürung spielt.

Die organisch weichen, schlingernden und schwellenden Formen in den bizarren Objektensembles von Max Mohr erzählen mindestens von zweierlei: einerseits von der Sehnsucht nach Berührung, dem Ausfalten der Oberfläche, dem Aufblühen und Wachsenwollen, andererseits vom Gebrechlichen, Unzulänglichen und Beschädigten. Sexualität wird in diesen stoffbezogenen Stempeln und Tentakeln, Rümpfen und Stümpfen, Tälern, Hügeln und Inseln wie das allumfassende und nicht sehr differenzierte Begehren von Kindern verhandelt und zugleich wie eine Erinnerung an Peinlichkeiten, Misslingen und Notlösungen beschrieben.

Die Welt seiner Skulpturen, die bei Arndt & Partner zwischen 1000 und 38 000 Mark für eine bewohnte Insel (mit Musik!) angeboten werden, ist repariert, geflickt, fragmentiert. Aus der Orthopädie bekanntes Prothesenmaterial taucht als weicher Nährboden abenteuerlicher Gewächse auf. Genoppt, geriffelt, gerippt und gezwirbelt, bieten die Stoffüberzüge griffige Oberflächen in den blassen Farben altjüngferlicher Unterwäsche. Mit dem Witz ihrer Formen und ihrer Knallbonbon-Dynamik behaupten sie sich tapfer gegen das Wissen von der eigenen Endlichkeit.

Wände aus hautfarbener Gaze, in die runde Fenster oder ovale Risse hineinführen, verlagern diese Körperlandschaften in das Innere. Von Außen wächst ihnen ein um so prächtigerer Kontext zu, je mehr sich Wissenschaft, Technik und Industrie um die Normierung des Körpers bemühen. Man kann an genetische Experimente, Organhandel und Schönheits-Chirugie denken, die eine zunehmende Perfektion der Herrschaft über den Körper suggerieren. Ihre Sensationen erhellen blitzartig, wie der Körper zum frei verfügbaren Ding und zur Warenform wird. Sie scheinen uns eine Zukunft anzukündigen, in der auch der Körper keine Garantie mehr für die Einheit des Subjekts liefert.

Auch die "space party II" von Max Mohr spielt mit Zukunftsvisionen und Science Fiction im Comic-Format. "beam machine", eine von Ohrenfüßlern und tänzelnden Spitzen bewohnte Insel, über die leise Technoklänge wehen, schwebt irgendwo zwischen aufblasbaren Gummi-Inseln für die Badewanne und futuristischen Raumstationen durch die Vorstellung. Der "Brutkasten (wächst noch)" ist in einer Vitrine untergebracht, die mit ihren dynamisch zurückweichenden Linien aus jener Zeit stammen könnte, als man den Schick von Kühlerhauben ins Wohnzimmer holte. Doch die Zeichen für Zukunft scheinen merkwürdig angestaubt, der Vorrat an utopischen Formen aufgebraucht. So kommentiert die "space party II" mit ihren Low-Tech-Objekten letztlich auch den technologischen Aufwand der Zukunftssicherung als absurdes Unternehmen.Arndt & Partner, Auguststraße 35, bis 13. November; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr. Gleichzeitig ist von Max Mohr im Café K des Georg-Kolbe-Museums (Sensburger Allee 25, Dienstag bis Sonntag 10-22 Uhr) bis 30. Oktober eine Ausstellung zu sehen.

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