Kultur : Max Pechstein: Feuerrot war einst der Garten Eden

Aureliana Sorrento

Das Tulpenbeet aus dem Dresdener Zwinger ist zur Legende geworden. Von seinem "brennenden Rot" beeindruckt, hatte es Max Pechstein in einem Deckengemälde für die Internationale Raumkunst-Ausstellung in Dresden verewigen wollen. Feuerrot hatte er die Tulpen gemalt. Als er aber vor der Eröffnung den Ausstellungsraum aufsuchte, um das Werk zu besehen, fand er das Rot von grauen Spritzern betrübt. Jemand hatte seine Tulpen "korrigiert".

Es muß eine kuriose Szene gewesen sein: Der Maler polterte los, und bald kam noch einer hinzu, der gleichfalls auf den Kunstschänder schimpfte. Der zweite, stellte sich heraus, war Erich Heckel. Mit Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl und Ernst Ludwig Kirchner hatte er im Jahr davor, 1905, die Gruppe der "Brücke" gegründet. "Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt", stand in ihrem Programm. Das stimmte mit Pechsteins Empfinden überein, und im Mai 1906 trat er der Brücke-Gruppe bei.

Was in dem gemeinsamen Atelier in Dresden-Friedrichstadt erörtert, ausprobiert und geschaffen wurde, ist längst Kunstgeschichte. In der Retrospektive, die das Brücke-Museum derzeit aus eigenen Beständen Max Pechstein ausrichtet, kann man den Ertrag ausgelassener Sommertage bewundern, welche die Freunde 1909 an den Moritzburger Teichen nördlich von Dresden verbrachten. Pastos, breit und rein haben sich Pechsteins Farben "Im Wald bei Moritzburg" gelegt. Eine idyllische Szene zwischen Birken - zwei Figuren im Vordergrund, eine dritte hinten sich in einer Hängematte räkelnd - hat der Maler mit wuchtigen Strichen zu einem leuchtenden Allegro gesteigert. Mächtig grün dehnen sich Baumkronen vor einem azurenen Himmel in "Das gelbschwarze Trikot".

Das ungezwungene Leben in der Natur genoss Pechstein als äußerstes irdisches Glück. In unmittelbar und schwungvoll auf die Leinwand geworfene, ungebrochene Farben ließ sich die Freude am besten übersetzen. Aber von den Missklängen und Überspitzungen, die aus manchen Werken seiner Freunde gellen, hielt er sich immer fern. Im Gegensatz zu ihnen war er schon durch seine akademische Kunstausbildung zur Harmonie angehalten. Im Brücke-Museum kann man Pechsteins erste Schritte aus den Fußstapfen seines Lehrers Otto Gußmanns befolgen. An der Akademie der Künste in Dresden hatte dieser seinen Schülern die schönlinige Gestaltungsweise des Jugendstils beigebracht. In "Traumblüten", einer Lithografie, die Pechstein 1906 druckte, heben sich zwei scharf konturierte Frauengestalten vor dem Rund eines übergroßen Monds ab, eine andere reckt sich schlank und stattlich gegen die Schwärze des Fonds. Doch bereits im selben Jahr wird die Linienführung karger; zunehmend deutlicher lässt Pechstein die Spuren der Holzbearbeitung als schmale Furchen hervortreten. Die "Bacchantin", ein zurückgelehnter, von markanten, rissigen Linien gezeichneter Frauenkopf, ist der Auftakt zur eigentlichen expressionistischen Phase des Künstlers.

1912, ein Jahr vor der Auflösung der "Brücke", trennte sich Pechstein von der Gruppe. Kubistische und futuristische Einflüsse kamen dann zur Geltung, aber die Suche nach einem Einklang von Mensch und Natur, Leben und Kunst blieb für sein Schaffen bestimmend. Weil die Ausstellung die gesamten malerischen, zeichnerischen und druckgrafischen Werke Pechsteins versammelt, die sich im Besitz des Brücke-Museums befinden, sticht seine Treue zu immer wiederkehrenden Motiven bei Verwendung unterschiedlicher Medien und trotz aller Wandlungen des Stils ins Auge. In Nidden an der Ostseeküste 1909, 1913 im ligurischen Monterosso al Mare, 1914 auf der Südseeinsel Palau sowie nach dem Ersten Weltkrieg an verschiedenen Urlaubsorten nahm Pechstein am einfachen Leben der Fischer teil. Das Meer, die Sonne, die Gezeiten - für ihn: ein Rausch. In Aquarellen, Zeichnungen und Ölbildern hat Pechstein die Vorgänge des Fischfangs, die Mühe und die Muße der Seeleute abgebildet. Das Gemälde "Fischerboot", eines seiner Meisterwerke, entstand 1913 in Monterosso al Mare. Während der Sturm im Wasser und im Himmel wütet, machen sich die Fischer an den Rudern zu schaffen. Die Diagonale des Segelmastes teilt das Bild und betont die Dramatik des Moments.

Leider sind alle Gemälde, die Pechstein 1914 auf Palau malte, durch die Wirrsale der halsbrecherischen Rückreise nach Deutschland infolge des Kriegsausbruchs verloren gegangen. In Deutschland wurde Pechstein sogleich kaserniert. Als er 1917 aus dem Kriegsdienst entlassen wurde, blieben ihm nur wenige Skizzen von dem Aufenthalt in der Südsee übrig. Sie bezeugen, wie genau er das Leben der Einheimischen beobachtete. Das, was er als sein "Paradies auf Erden" betrachtete, versuchte er in weichen, raschen Pinselstrichen und diffusen Farbschleiern festzuhalten. Aber der Garten Eden war endgültig vergangen.

Die Malerei, zu der Pechstein in den zwanziger Jahren zurückfand, mutet in ihrer formellen Zurückhaltung und farblichen Gedämpftheit schon klassisch an. Dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg der Kunstgeschichtsschreibung überlassen wurde, kann heute nicht verwundern.

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