Kultur : „Max Planck“ ohne Geschichte

Amory Burchard

Für die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) ist es ein üblicher Vorgang, für Historiker eine intellektuelle Bankrotterklärung: Das renommierte Institut für Geschichte in Göttingen wird abgewickelt – und damit womöglich die historische Forschung im Planck-Universum. Statt Kulturen der mittelalterlichen Gesellschaft, Transformationen des Religiösen in der Neuzeit oder Übergangsprozessen in die Moderne sollen in Göttingen jetzt „Heterogene Gesellschaften“ erforscht werden.

Die Arbeit des Instituts werde neu ausgerichtet, betont eine MPG-Sprecherin. Das sei das übliche Verfahren, wenn die Direktoren einer Max-Planck-Einrichtung emeritiert werden, was 2004 in Göttingen der Fall war: Damals gingen der Mittelalterhistoriker Otto Gerhard Oexle und der Neuzeithistoriker Hartmut Lehmann gleichzeitig in den Ruhestand. Tatsächlich entwickelten die Göttinger Historiker eine „spannende neue Perspektive“, so wie es die MPG forderte. Transnationale und globale Geschichte sollte – dem internationalen Trend folgend – unter neuer Leitung erforscht werden.

Mit dem Neuzeitspezialisten Jürgen Osterhammel (Konstanz) war rasch ein idealer Kandidat für den Direktorenposten gefunden: Er ist bis heute einer der wenigen deutschen Historiker, die den Weg zu einer globalen Geschichtsschreibung schon beschritten haben. Aber die Tradition des Instituts erfordert eine Doppelspitze, einen zusätzlichen Mittelalterhistoriker. Der Mediävist Frank Rexroth (Uni Göttingen) wollte kommen, obwohl ihn die weltgeschichtliche Perspektive ihn nicht überzeugt haben soll. Die MPG zog deshalb ihr Angebot an ihn zurück, woraufhin Osterhammel verzichtete.

Ein neues Leitungsteam kam nicht zustande, denn für die begehrte Byzantinistin Claudia Rapp (University of California) fand sich kein passendes Pendant, das „die Exzellenzkriterien der MPG erfüllte“, wie es heißt. Die Suche versandete, als Rapp von ihrer Universität ein besseres Angebot bekam. Für eine dritte Runde fehlt dem Max-Planck-Präsidium nun offenbar die Geduld. Die „Neuausrichtung“ zielt auf globale Konflikte zwischen Religionen, Weltbildern und kulturellen Prägungen. Dafür will die MPG jetzt eine neue Doppelspitze suchen, die eher soziologisch und politologisch als historisch ausgerichtet sein soll.

„Ein dramatischer Verlust“ wäre die Umwidmung eines der wenigen außeruniversitären geschichtswissenschaftlichen Forschungsinstitute, kommentiert der Historiker Hans-Ulrich Wehler (Bielefeld) den Vorgang. Alle Anstrengungen müssten jetzt darauf zielen, „so viel historische Substanz wie möglich zu retten“. Der Kampf der Kulturen sei ein Thema, dem sich die deutsche Geschichtswissenschaft dringend widmen müsste. Der Historiker Jürgen Kocka (Berlin) wiederum plädiert dafür, das Göttinger Haus als Institut für historische Forschung bestehen zu lassen – „mit neuen Perspektiven“.

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