Max Raabe : Mein Herz, dein Nerz

Auf seinem neuen Album "Übers Meer" gönnt sich Max Raabe den größten Luxus: ganz leise zu singen.

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Töne wehen in die Ferne. Max Raabe, fotografiert am Strand von Montauk, Long Island, N.Y. -Foto: Olaf Heine/Universal

Sag nicht Du zu mir,
wenn meine Frau dabei ist,
Tu das nicht , sonst wird sie bös!
Mein Schatz, sie mag es nicht,
wenn unser Ton zu frei ist,
im Gegenteil, sie wird nervös.


Dass er aus Lünen an der Lippe stammt, merkt man Max Raabe nach den 30 Jahren noch an, die er schon in Berlin lebt. Da ist der sanfte westfälische Sound, der bei seinen wohlgesetzten Worten stets im Hintergrund mitschwingt, da ist seine – im Vergleich zur schlanken Silhouette des 47-Jährigen – sehr markante, hohe Stirn, gewissermaßen die sublimierte Form der sprichwörtlichen Dickschädeligkeit seiner Landsleute. Und wie das so ist bei dem ersten aus der Familie, der sich entscheidet, nicht Bauer zu werden – er macht den Schnitt gleich ganz konsequent. Dass sich Raabe in der Öffentlichkeit stets ebenso korrekt gekleidet zeigt wie auf der Bühne, ist keineswegs eine Masche, die sich seine PR-Agentin ausgedacht hat: „So sah ich auch schon aus, als mich noch gar keiner kannte.“

Seit dem Tod von Harald Juhnke ist Max Raabe Deutschlands einziger Crooner, ein Unterhalter, der mit minimalen Mitteln maximale Aufmerksamkeit zu erregen weiß, ein Vokalist, der Herzen schmelzen kann, ohne im langläufigen Sinne wirklich erotisch zu sein. Dass er dabei kein zeitgenössisches Schlager-Repertoire singt, sondern die Sehnsucht nach der geistvollen Ungezwungenheit der ach so goldenen zwanziger Jahre beschwört, macht ihn für seine Fans nur noch attraktiver.

Mit dem 1986 gegründeten Palast-Orchester ist Raabe zu einem international gefragten Markenartikel geworden. Rund 80 Auftritte absolviert er pro Saison mit seiner Truppe. Wie ein Opernsänger, der neben den Bühnenrollen regelmäßig Liederabende gibt, gönnt sich auch Raabe als Ausgleich zu den Bigband-Shows immer wieder die kleine Form. Zusammen mit dem Pianisten Christoph Israel, einem Kumpel aus Schultagen, realisiert er seit 1994 seine Soloprogramme.

Jetzt hat sich der Bariton den schönsten Luxus geleistet, den er sich als Sänger vorzustellen vermag: ganz leise zu singen. In einem Studio in Oslo ist so das wunderbar intime Album „Übers Meer“ entstanden, das heute bei Decca erscheint und bei dem man wirklich das Gefühl hat, in einem privaten Salon einen spontanen Auftritt des Sänger und seines Pianisten zu erleben.

Lieber Schatz, ich zerplatz’,
wenn mein Weibchen kommt.
Gerade dann fängst Du an
und umarmst mich prompt.
Gut mein Schatz,
ich schenk Dir Villa und Scheck
aber sei nicht so treu: Geh wieder weg!

Raabe erlaubt sich hier, die eherne Entertainment-Regel beiseite zu schieben, wonach auf langsame Stücke stets schnelle zu folgen haben. Dennoch spannt sich ein sanfter Spannungsbogen über die 16 Schlager, der in heiterer Stimmung beginnt und sich zum Ende hin immer mehr eintrübt, bis ins Melancholische. Feiner, näselnder Gesang hüllt den Hörer in eine musikalische Atmosphäre ein, die sich so wohlig anfühlt wie Kaminfeuer-Wärme. Neben Evergreens wie „Irgendwo auf der Welt“ und kecken Songs wie „Sag nicht Du zu mir“ hat der Sänger natürlich auch wieder einige Trouvaillen vorzuweisen.

Dass die ganze Chose so entspannt wirkt, liegt sicher auch daran, dass Raabe gerne Kunstpausen macht. Dann überlässt er Israel die Führung, lehnt sich in die „Parkbucht“, wie der Sänger die Rundung des Flügels nennt. Er ist eben ein Künstler, der auch mal zuhören kann – sogar privat.

Raabes Diktion ist perfekt, die Pointen kommen wie gewohnt genau auf den Punkt, und wenn er zur Abwechslung mal ins Englisch gleitet, wirken seine süßen Kantilenen noch kandierter. Ganz bezaubernd auch, wie die beiden Freunde im Duett pfeifen, mit diesem schnellen Vibrato, das so nach der Zwischenkriegszeit klingt, weil auch die Streicher damals so gespielt haben.

In den Schlagern geht es um wohlhabende Großstadtmenschen und ihren liebsten Zeitvertreib. Da klingt ein Foxtrott hinaus in den Park, da schimmern die Kristalllüster, da reimt sich „Herz“ nicht auf „Schmerz“, sondern auf „Nerz“. Es wird nachmittags Kuchen genascht, man fährt zum Skilaufen – und hat zudem wahnsinnig viel Zeit für die mehr oder minder zynische Seelenschau.

Es spricht für den Sänger, wenn er im Interview gar keine Lust zeigt, sich auf soziologische Sezierereien der Texte einzulassen. Ob die Autoren nun gezielt für die mondäne upper class schrieben oder nur die Sehnsüchte der kleinen Stenotypistinnen anheizen wollten, interessiert ihn wenig. Raabe reizt, wie elegant hier die zeitlosen Themen Liebe, Abschied, Untreue präsentiert werden: „Die Leute in den Schlagertexten hatten mit der Wirklichkeit doch nie etwas zu tun. Süßigkeiten sind ja auch nicht zum Sattmachen gedacht.“

Sag nicht Du zu mir,
wenn meine Frau dabei ist.
Tu das nicht, oh lass sie ruh’n.
Sie kränken, nein, das könnt ich nicht,
nein, das will ich nicht,
nein, das darf man nicht tun.

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