Max von Oppenheim : Der Bankierssohn und die Wüste

Max von Oppenheim war Diplomat, Beduinenforscher und Archäologe aus Leidenschaft – sein Werk wird jetzt wiederentdeckt.

Elke Linda Buchholz
Begegnung auf Augenhöhe. Ein Beduine aus dem Stamm der Aduan besucht Max von Oppenheim 1929 im „Hotel Baron“ in Aleppo. Der Baron hatte ein mehrbändiges Standardwerk über die Beduinen geschrieben.
Begegnung auf Augenhöhe. Ein Beduine aus dem Stamm der Aduan besucht Max von Oppenheim 1929 im „Hotel Baron“ in Aleppo. Der Baron...Foto: © Max Freiherr von Oppenheim-Stiftung, Köln

Der Aufruf zum Heiligen Krieg kam aus Berlin: „El Dschihad“ prangt in großen Lettern auf einer während des Ersten Weltkriegs gedruckten Postille. Die Zeitschrift sollte an islamische Kriegsgefangene verteilt werden. Dahinter stand einer der besten Orientkenner seiner Zeit: Max Freiherr von Oppenheim. Hatte die Begeisterung für die islamische Welt dem Bankierssohn endgültig den Kopf verdreht? Heute erscheinen manche seiner Ideen bizarr. Doch damals wusste sich Oppenheim im Einklang mit der Orientpolitik des Kaiserhauses. Bald nach Kriegsausbruch legt er dem Auswärtigen Dienst eine geheime Denkschrift vor. Man müsse in Ägypten, Persien, Afghanistan und Indien einen Aufstand gegen die europäischen Kolonialherren anzetteln, um den Kriegsgegner England zu schwächen. In offiziellem Auftrag baute Oppenheim eine „Nachrichtenstelle für den Orient“ mit achtzig Zweigstellen auf. Dort lagen Propagandabroschüren in Landessprachen und comicartige Flugblätter für Analphabeten aus. Sogar Filme wollte Oppenheim einsetzen: moderne Massenmedien zur Aufwiegelung der Massen. Doch das groß angelegte Projekt verlief im Sande.

Der 1860 geborene Max von Oppenheim war eine schillernde Figur. Alte Schwarzweißfotos zeigen ihn beim Beduinenfestmahl mit Stammesfürsten im Wüstenzelt, ordengeschmückt mit gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Bart zwischen Botschaftsangehörigen in Kairo oder als Privatgelehrten vor seiner 40 000 Bände umfassenden Orientbibliothek in Berlin. Getrieben von Entdeckergeist und unverwüstlichem Selbstbewusstsein wurde Oppenheim zum Grenzgänger zwischen Ost und West. Schon seinem Vater Alfred, einem der reichsten deutschen Bankiers, machte er es nicht leicht. Er wollte partout nicht ins Geldgeschäft einsteigen. Das Jurastudium nahm er lässig, der vorgezeichneten Beamtenlaufbahn entfloh er 1883 durch seine erste ausgedehnte Reise bis nach Konstantinopel. Auf der Rückreise hatte der künftige Sammler bereits orientalische Frauengewänder und Kunstgegenstände im Gepäck, Grundstock einer später legendären Sammlung.

1892 mietete er sich in der Altstadt von Kairo ein, nahm sich „eine vortreffliche schwarze Köchin, die natürlich nur die arabischen Eingeborenen-Gerichte kannte“ und suchte Kontakt zu Einheimischen. „Ich wollte durchaus wirklich gut Arabisch sprechen lernen und die Sitten und Gebräuche der Mohammedaner studieren, in den Geist des Islams eindringen.“ Diese Offenheit, frei von Überheblichkeit, unterschied ihn von anderen Europäern vor Ort. Oppenheim genoss es, in das orientalische Leben einzutauchen. Anders als sein Zeitgenosse Lawrence von Arabien hüllte sich Oppenheim allerdings nie in wallende orientalische Gewänder, sondern trat stets europäisch korrekt gekleidet auf. Weltgewandt bewegte sich der Lebemann auf den Partys der gehobenen europäischen Gesellschaft in Kairo.

Ehrgeizig, wie er war, strebte der junge Mann eine Diplomatenkarriere an. Doch die kaiserzeitliche Elite bremste ihn aus. „Einen Judenbengel“ wollte Herbert von Bismarck, Sohn des Reichskanzlers, nicht in seinem Diplomatenkorps haben. Dabei war schon Oppenheims Vater zum Katholizismus konvertiert. Erst nach jahrelangen Bemühungen gelang es Oppenheim 1896, wenigstens eine halb offizielle Stelle am deutschen Generalkonsulat in Kairo zu erringen. Bis 1909 sandte er 467 Berichte nach Berlin, in denen er die politische Lage skizzierte und seine Hintergrundgespräche mit hochrangigen Scheichs, Prinzen und Paschahs zu Protokoll gab. Kaum jemand verfügte über so vorzügliche Insiderkontakte wie er. Oppenheim residierte fürstlich wie ein orientalischer Hausherr mit Dienern und Zeitfrauen. Seine Familie stockte das offizielle Jahressalär von 8000 Mark großzügig um 30 000 Mark auf. Sein Lebensstil förderte Legenden: Die Engländer glaubten, Oppenheim sei ein Meisterspion des Kaisers, der seine archäologischen Forschungsreisen nur zur Tarnung nutze. Andere hielten ihn für einen Wichtigtuer.

Seine erste große Expedition führte den 33-Jährigen von Damaskus über Syrien nach Bagdad und weiter nach Ostafrika, großenteils auf nie von Europäern betretenen Pfaden. Der prachtvolle zweibändige Reisebericht machte den Selfmade-Forscher international bekannt.

Das Volk der Wüste faszinierte Oppenheim von der ersten Begegnung an. Ihre archaische Lebensweise mit Viehzucht und kriegerischen Beutezügen war ein Gegenentwurf zur industrialisierten Gegenwart der Kaiserzeit. Aber in ihrem Stolz, ihrer Gastfreundschaft und Freiheitsliebe erkannte der Baron sich wieder. Er begann, ihre komplexen Stammbäume und Wanderbewegungen aufzuzeichnen. Sein auf fünf Bände angelegtes Werk „Die Beduinen“ gilt bis heute als Standardpublikation.

Auf seinen generalstabsmäßig geplanten Expeditionen schleppte Oppenheims Team nicht nur archäologisches Grabungsgerät mit. Mit einem Edison-Phonographen zeichnete man die Musik der Beduinen auf Wachswalzen auf. Der Expeditionsarzt präparierte in der Wüste Skorpione, Felsengeckos und auf Jagdausflügen erlegte Vögel, um sie in Berlin dem Naturkundemuseum zu übergeben. Nebenher wertete Oppenheim seine Terrainerkundungen für eine von der Deutschen Bank finanzierte Studie zur geplanten Bagdadbahn aus. Schließlich war das Bankhaus Oppenheim im 19. Jahrhundert durch die Eisenbahnfinanzierung groß geworden. Als der Archäologe 1939 ein letztes Mal zum Tell Halaf aufbrach, reiste man bereits komfortabel mit dem Orientexpress an: Eine Station der Bagdadbahn befand sich gleich im nächsten Ort.

In den Augen der Fachwissenschaftler blieb der Autodidakt immer ein Außenseiter. So blieb dem unbeirrbaren Machertyp nichts anderes übrig, als sein eigenes privat finanziertes „Orient-Forschungs-Institut“ zu gründen. Als die Inflation sein Vermögen vernichtete, löste er seine herrschaftliche Kurfürstendammwohnung auf und machte das Büro am Savignyplatz auch zur Wohnadresse.

Im Zweiten Weltkrieg klopfte Oppenheim noch einmal mit seiner alten Idee einer panislamischen Revolution bei den NS-Kriegsstrategen an – politisch reichlich naiv. Von den Nazis als Halbjude kategorisiert, konnte er froh sein, von Repressionen weitgehend verschont zu bleiben. Vermutlich schützten ihn mächtige Freunde im Auswärtigen Amt. Manche munkelten, Hitler habe ihn zum „Ehrenarier“ ernannt. Auf seiner Beerdigung 1946 in Landshut erschienen auch einige Araber. Einer sprach ehrende Worte und überbrachte den Gruß der arabischen Länder. Auf dem Grabstein steht, von Oppenheim selbst formuliert: „Hier ruht in Gott ein Mann, der die Wissenschaft, den Orient, die Wüste und den von ihm entdeckten und ausgegrabenen Tell Halaf geliebt hat.“

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