Maxim-Gorki-Theater : Abschwung Ost

"Besuch der alten Dame" im Maxim-Gorki-Theater

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Verbogen, verlogen. Wolfgang Michalek (l.) diskutiert mit Andreas Leupold. -Foto: Drama

Friedrich Dürrenmatts aus Ersatzteilen zusammengeschraubte, von Wildtieren und Eunuchen umgebene „alte Dame“ ist bei Armin Petras, am Staatsschauspiel Dresden und nun im Maxim Gorki Theater, „eine schöne Frau“ in den Fünfzigern. Sie besucht einen Ort irgendwo im Osten Deutschlands, um 1990, bringt Geld und will Gerechtigkeit. Der einstige Geliebte, der sie verließ, verriet, diskriminierte, muss sterben – wie in Dürrenmatts 1956 uraufgeführter tragischer Komödie.

Petras übernimmt in seiner Bearbeitung, die eine souveräne Erfindung ist, diese Basisstruktur, um die Verlorenheit einer Menschengruppe zwischen den Zeiten ins Gedächtnis zu brennen. Auf der Bühne, als Regisseur, baut er eine magische Welt auf, die Wirkliches nicht kennt, aber den düster alltäglichen Mief der Gewöhnlichkeit zum Schrecken macht. Die steil aufragende, vom Zuschauerraum bis zu einem schmalen Schlitz über dem Bühnenportal reichende Treppe (von Olaf Altmann) nimmt eine Menschengruppe auf, die den Weg nach oben sucht, immer wieder im Unten landet, sich zusammenklumpt, wie in Narkose erstarrt, dann auseinanderbricht, explodiert in wilden Aggressionen. Die große Verunsicherung nach der „freundlichen Wandlung“ der Gesellschaft sitzt in den Körpern, verbiegt und verwandelt sie, lässt sie zu vorübergehender Größe und Bedeutsamkeit hochschnellen und wieder im Verzagten zusammenfallen.

Das Ensemble, aus Dresdener und Berliner Darstellern gefügt, spielt mit Lust und artistischer Bravour auf den steilen Stufen. Es gelingen grelle Momentaufnahmen von Charakteren und Verhaltensweisen, wie sie im alltäglichen politischen Geschäft von heute üblich sind. Das hat den Glanz blitzgescheiter Satire und behält doch mehr als nur eine Spur Trauer (wieder am 29.1.). 

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