Kultur : Maxim Gorki Theater: In der Möwengrube

Rüdiger Schaper

Es gibt noch gute Nachrichten vom Theater in Berlin. Ein Haus wurde wiedereröffnet - in einer Zeit, da manch einer eher an Schließungen denkt. Ein Staatstheater wurde renoviert, für zehn Millionen Mark, und man hat nichts gehört von überzogenen Etats und explodierenden Baukosten. Ein großes Fest wurde gefeiert in dem kleinen Haus am Festungsgraben. Wunderbar, einfach mal wunderbar!

Katharina Thalbach inszeniert "Die Möwe". Das war gut gedacht. Ein Tschechow, so unverwüstlich wie "Hamlet". Eine Regisseurin, die dem Maxim Gorki Theater große Publikumserfolge gebracht hat und der man vieles nachsieht. Weil sie ein echtes Berliner Theaterblut ist. Und auch diese "Möwe" ist ein einheimischer Wasservogel, durch und durch. Mehr Müggelsee als Wannsee, das ist klar. Das Maxim Gorki Theater liegt am rauhen Berliner Boulevard. Und dass es früher einmal im Osten lag, daran erinnert Thalbachs Tschechow. Das Landgut der berühmten Schauspielerin Arkadina - eine Datsche. Man grillt, isst Kartoffelsalat von Papptellern, aus dem Kassettenrekorder krächzt Wladimir Wissotzky, der Liedermacher und Protagonist des sowjetischen Theaters. Eine Übergangsgesellschaft hockt hier auf Campingstühlen. Aber woher? Und wohin? Es geht diesen Menschen nicht schlecht. Und es geht ihnen gar nicht gut. Eine ostdeutsche Milieustudie?

Das Bühnenbild von Momme Röhrbein ist ein solcher Tort, dass man es glatt übersieht: Ein Maschendrahtzaun (!), eine vierte Wand, trennt Schauspieler und Publikum. Es gibt Türen, die aufgerissen werden, wenn ein Mime nach Luft schnappt. Wenn einer flieht aus dem erdrückenden Idyll, hinaus in die böse, feindliche Welt. Drei Stunden und vier Akte sperrt die Regisseurin ihr Ensemble ein. In einen riesigen Vogelkäfig. Komische Vögel, das sind sie hier alle: ein Menschenzoo. Ohne Geheimnis. Muss man zu solch grobem Werkzeug greifen, um zu zeigen, dass keiner heraus kann aus seiner Haut, aus dem sozialen Gehäuse?

Ebenso handfest packt die Thalbach sogleich die Eröffnungsszene an. Es ist jener berühmte, entscheidende Moment, da Treplew, der junge Schriftsteller, vor den Sommergästen sein symbolistisches Theater demonstriert. Aber: Hier wird das Neue denunziert. Hier macht sich Katharina Thalbach lustig über zeitgenössisches Regietheater; oder was sie dafür hält. Nina, die junge Schauspielerin, Treplews große Liebe, hopst im Tutu auf Samowaren, während das avantgardistische Jung-Genie am Mischpult wild den DJ mimt und mit dem Vorschlaghammer Requisiten zertrümmert. Damit sind alle Spatzen und Möwen gefangen. Die Thalbach stellt sich hinter die Arkadina, die für die "revolutionäre Kunst" ihres Söhnchens nur müden Sarkasmus übrig hat.

Die Arkadina, Ursula Werner, ist die Chefin im Ring. Eine Matrone, eine Berliner Schnauze, kühn gegen die Tradition besetzt. Thomas Brasch, der Übersetzer, besteht auf dem Komödianten Tschechow. Man soll nicht in Selbstmitleid baden, sondern lachen: "über die Tränen statt sie zu beweinen." Nun gut. Das ist das Merkwürdige bei diesem lauten, proletarisch aufgebretzelten Tschechow. Es wird ein Erfolg. Irgendwie.

Die Regisseurin großer Gefühle war Katharina Thalbach ja auch nie. Sie kann aber sehr sentimental sein. Bei Tschechow bleibt sie hart. Hart an der Oberfläche. Arkadina und Trepljew kommen sich keine Sekunde nah. So resolut Ursula Werner auftritt, so verstockt und hilflos ist ihr Kleiner - Oliver Boysen. Ein hübscher Junge, ein Milchbart, in dieser Inszenierung eindeutig ohne schriftstellerisches Talent. Tochter Anna Thalbach als Nina ist das süße, zickige Gör. Ballettratte mit Walkman. Denn Katharina Thalbachs "Möwe" will doch heftig von heute sein. Karina Fallenstein, die arme Mascha, torkelt ewig besoffen über die Bühne; ein klarer Fall. Lauter klare Fälle. Zwischentöne? Vielleicht bei Trigorin, dem Geliebten der Arkadina. Burghart Klaußner führt einen alternden Schriftsteller vor, dem die fatale Affäre mit Nina einfach so passiert. Ein Schwächling, der sich hinter Beatles-Songs versteckt. Von wegen kein Regie-Theater!

Die "Möwen"-Bändigerin sitzt in der Falle. Treplews modernistische Menagerie hat sich, hauruck, von selbst erledigt, und mit fortschreitender Spieldauer verfällt nun Katharina Thalbachs Tschechow-Lustspiel-Patent. Nina und Trigorin, ein theatralischer Kuss - plötzlich schneit es, wie einst beim "Hauptmann von Köpenick" mit Harald Juhnke. Im Schlussakt, zwei Jahre sind vergangen, schiebt sich die Szenerie hinter dem Maschendrahtzaun immer enger zusammen. Treplew und die Seinen hausen in Kisten und Tierkäfigen. Von wegen kein Symbolismus! Am Ende kommt es knüppeldick. Allein die Alten bewahren die Ruhe. Hilmar Baumann als Landarzt (und grauer Don Juan), Eckhart Strehle als Sorin, Arkadinas todkranker Bruder: Sie sind fürs Mitgefühl zuständig. Sie versprühen Lebensweisheit, lassen die tiefe Melancholie erahnen, auf denen dieses Stück Weltliteratur gebaut ist.

Es kann nicht immer Kaviar-Tschechow geben, wie bei Luc Bondy in Wien. Der Berliner Bratwurst-Tschechow muss auch gegessen werden. Wie heißt es im ersten Akt, wenn Nina und Treplew noch träumen dürfen: "Jetzt ist es also fertig, unser Theater."

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