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Maxim Gorki Theater : Pussy Riot und andere Extremsportler

07.01.2013 16:12 Uhrvon

Armin Petras zeigt mit „Demenz Depression und Revolution“ die letzte Uraufführung seines Alter Egos Fritz Kater unter seiner Intendanz. Im Sommer verlässt er Berlin Richtung Stuttgart.

Die alte Dame mit der grau melierten Lockenperücke erkennt ihre Tochter nicht mehr. Ihr Kollege „gießt Kaffee auf den Teller, Brot in den Kaffee“. Und die „Präsenzkraft Susanne Schröder“ rückt mit dem Akkordeon an, um leidlich passable Laune zu verbreiten.

„Demenz Depression und Revolution“ heißt das neue Stück von Fritz Kater, dem schreibenden Alter Ego des Regisseurs Armin Petras. Und da es sich um die letzte Berliner Kater-Uraufführung handelt, bevor Petras als Intendant vom hiesigen Maxim Gorki Theater nach Stuttgart wechselt, umweht den Abend natürlich eine besondere Aura: Die Dichte branchenprominenter Gesichter im Parkett ist mindestens so hoch wie die dramatische Erwartungshaltung.

Letzterer hält der Abend, um es gleich vorweg zu nehmen, insofern stand, als sich das Kater-Petras-Theater in der Tat noch einmal geradezu archetypisch präsentiert: In größtmöglicher Stilvarianz und mit allem Polarisierungspotenzial, das ureigenen Handschriften naturgemäß innewohnt.

Auf den ersten Blick haben die drei Teile, aus denen sich der knapp vierstündige Abend zusammensetzt, wenig miteinander zu tun. Der erste Part, „Demenz“, verknüpft eigens recherchierte Aussagen von Pflegern, Betroffenen und Angehörigen mit Statistiken und poetischen Transzendenz-Motiven zu einer Collage, die schon mal schlaglichtartig vor Augen führt, was dem Text zufolge im Jahr 2050 satten vier Millionen von uns blüht. „Es fing an, da hab ich den Briefkasten mit den gelben Abfalltonnen verwechselt“, entwirft Peter Kurth das Szenario trocken. „Weg war der Weihnachtsmann.“

Der zweite Teil hingegen, „Depression“, switcht in die Nahaufnahme und zeichnet so konkret wie möglich die Lebensgeschichte eines Extremsportlers der Leistungsgesellschaft nach. Pate stand hier der ehemalige Fußballnationaltorwart Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm. Der dritte Teil schließlich, „Revolution“, beamt sich in die Zeit des Prager Frühlings 1968 zurück: Anhand fiktiver Tagebuchaufzeichnungen des realen tschechischen Drehbuchautors und Filmregisseurs Pavel Juracek untersuchen Kater/Petras die spezielle mythische Energie, die beim Zusammentreffen von Kunst und Revolution entsteht. Überhaupt bildet der Mythos die Klammer des Abends: „Demenz Depression und Revolution“ ist als „Studie zu drei Mythen der Gegenwart“ untertitelt. Wie weit man Kater/Petras in dieser Meta-Lesart tatsächlich folgen mag, ist erst einmal zweitrangig: Um drei starke Textblöcke, die – wie alle guten Kater-Schöpfungen – einen scharfen Blick für Zeitphänomene mit erhellenden (kultur-)geschichtlichen Seitensprüngen, poetischer Lakonik und Empathie verbinden, handelt es sich auch ohne diesen Transzendenzgedanken.

Nun besteht eine altbewährte – und prinzipiell grundsympathische – Praxis des Regisseurs Armin Petras darin, die Texte seines Autor-Alter-Egos Fritz Kater auf der Bühne ordentlich gegen den Strich zu bürsten: Eine Bewegung, die die Publikumsgeister auch diesmal scheidet – und im Wesentlichen von zwei Ängsten getrieben scheint. Erstens, den oft eher epischen als klassisch dialogischen Theatertexten möglicherweise nicht genügend szenischen Aktionismus abzutrotzen, und zweitens, bei den Abgründen, die Kater immer wieder aufreißt, in die Pathosfalle zu tappen. Und so überspitzen und karikieren Michael Klammer, Cristin König, Peter Kurth oder Aenne Schwarz auch hier, etwa im Auftaktteil „Demenz“, das Stationsbiotop vor grünem Samtvorhang recht ausdauernd mit Fatsuits, Liedern und Graubüschelperücken, bevor sie sich einen präzisen, minimalistischen, berührend-stillen Moment leisten.

Den anschließenden „Depressions“- Teil bestreiten Michael Klammer im Anzug und Aenne Schwarz im Abendkleid mit ungeheurer Verve, aber auch in von Petras bereits gut bekannten Bildern: als Versuch, hinter der Lebensrealität des vermeintlichen Glamourpaars deren mediale Verkürzung – wenn man so will: den imperativischen Mythos vom glücklichen Promi-Vorbild – aufscheinen zu lassen. Der letzte Teil wird mit Thomas Lawinky, Cristin König und der Entdeckung Svenja Liesau, die dieses Jahr erst ihr Studium an der Ernst-Busch-Schule beendet, zu einer offenen szenischen Materialsammlung über Revolution, Kunst und (Selbst-)Inszenierung, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit von Prag 1968 bis zu Pussy Riot springt.

Wer „Demenz Depression und Revolution“ mit legendären Vorläufern vergleichen will, bekommt jetzt übrigens im Rahmen der „Kater-Tage“ die letzte Chance: Bis Mitte Januar zeigt das Gorki noch einmal viele Kater-Petras-Abende, darunter so maßgebliche wie „Heaven“ oder „We are blood“.

Wieder am 19.1. und 6.2., 19.30 Uhr

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