Maxim Gorki Theater : Sand zwischen den Fingern

Armin Petras erzählt eine Geschichte: einfach, ohne den Rausch, ohne die großartige Selbstbesoffenheit und die analytische Strenge der Vorlage. Fehlendes Feuer wird durch bürokratische Inszenierungsapplikationen ersetzt: "Opening night" im Maxim Gorki Theater.

Andreas Schäfer

Und dann, an einer Stelle, ist für Momente kurz der Wahnsinn, die Verzweiflung und die Kaputtheit der Filmvorlage auf der Bühne zu spüren – nur resultiert die Intensität nicht aus dem Bühnenspiel, sondern kommt aus der Konserve, von einem kurzen Filmeinspieler im Bühnenhintergrund, auf dem eine verwackelte Kamera in Schwarz-Schweiß ein glamouröses Schauspielergelage zeigt, das zu einem Alptraum wird. Wie ein Erinnerungsblitz schneidet immer wieder das Bild einer nackten Frau mit Flügeln in die bewundernden Kamerablicke auf eine mondäne Schauspielerin mit blonder Divenmähne hinein. Allerdings: wenn der einzige Moment der Theateradaption eines Filmklassikers auf filmischen Mittel resultiert, dann stinkt der Fisch vom Kopfe her.

Es ist heikel, wenn Regisseure Filme über die Einfallslosigkeit von Regisseuren und/oder die Einsamkeit von Schauspielern drehen. Das geht höchstens als durchgeknallte Betriebssatire. Oder wenn Verzweiflung und Einfallsleere so gewaltig sind, dass sie das ewig Kleinmütige des selbstreferentiellen Settings sprengen und ins Existenzielle vordringen. Wie zum Beispiel in John Cassavetes’ Film „Opening night“. Eine alternde Schauspielerin hat Probleme beim Spielen einer alternden Schauspielerin.

Angstblüte nennt man das wohl, wenn kurz vor dem Zusammenbruch das neurotische System das letzte Mal auf Hochtouren läuft. Und so zieht Myrtle Gordon noch einmal alle Register des Stars: versucht den Kollegen zu verführen, quält den Regisseur, demütigt seine Frau, und macht sich an den inzwischen neu verheirateten Ex-Mann heran. Das Große an dem Film, an seiner Hauptdarstellerin Gena Rowlands und der Art, wie ihr Mann und Regisseur Cassavetes sie in Szene gesetzt hat: Trotz der klaustrophobischen Enge der Szenen ist als Bedeutung schaffender Chor immer das Publikum spürbar, die geheimnisvolle, anonyme Macht, deren Bewunderung die Schauspielerin zum Star gemacht hat. Und die wie Sand zwischen den Finger zerrinnt.

In Armin Petras’ Theatervariante fehlt aber genau das. Der Nimbus der Schauspielerin bleibt behauptet. Friederike Kammer trägt als alternde Diva zwar ähnlich blonde Locken wie die Rowlands, kann ihr aber ansonsten nicht das Wasser reichen, weshalb ihrem Fall nichts Tragisches anhaftet. Ihr Selbstbetrug verlässt nie den beschränkten Radius der Normalnarzisstin. Die meiste Zeit steht sie etwas apathisch auf dem roten Vorhang herum, der in dem Bühnenbild von Olaf Altmann die ganze Bühne bedeckt, kriegt kurze hysterische Anfälle oder macht, um das Mitleid der anderen zu wecken, hin und wieder Rehaugen.

So wie ihr mit der Hauptrolle ergeht es dem Regisseur Armin Petras mit der ganzen Geschichte. Er erzählt sie einfach nach, ohne den Rausch, ohne die großartige Selbstbesoffenheit und die analytische Strenge der Vorlage. Fehlendes Feuer wird durch bürokratische Inszenierungsapplikationen ersetzt: Petras baut ein paar König Lear-Zitate ein (Robert Kuchenbuch mit schief sitzender Krone und zerrupftem Königsmantel), lässt zum Thema Natur Großaufnahmen von prächtigen Schildkröten und zum „Zynismus des Alters“ Kommentare des Hirnforschers Wolf Singer einspielen. Musik von Velvet Underground, Videoatmos und Wasserschlachten: mit beamtenhafter Routine setzt Petras in dieser Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt seine Theatermittel ein, die zu Inszenierungsschablonen der Leichtigkeit verkommen sind.
Wieder am 25.11. und 30.12.

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