Maxim-Gorki-Theater : "Wahlverwandtschaften": Hocken, hopsen, rauchen

Das Maxim-Gorki-Theater eröffnet unglücklich die Saison mit Goethes „Wahlverwandtschaften“. Das Stück dümpelt nur vor sich hin: ein bisschen Ironie, ein wenig Bedeutsamkeit und ein paar halbherzige Versuche, aus der Rolle zu fallen.

Christine Wahl

Ganz schön was los auf Eduards und Charlottes Landschloss: Man nippt am Schampus, traktiert die Blockflöte, lässt sich von einer Teenagerin zu albernen Spaziergängen terrorisieren und wechselt fast in jeder Szene die Klamotten. Das einzige Problem: Es gilt auch da diesen widerborstigen Text zu sprechen. Eine Digest-Version von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, der hyperkomplex entfaltet, wie dieses schöne (Land-)Leben aus den Fugen gerät.

Das Unheil beginnt damit, dass Eduard einen Freund, den Hauptmann, aufs Anwesen einlädt und seine Frau Charlotte im Gegenzug ihre Problemnichte Ottilie dazu bittet. Eduard entwickelt auf seine vorgerückten Tage eine haltlose Leidenschaft zum Teenager, Charlotte und der Hauptmann entdecken eine erotisierende Seelenverwandtschaft. Die Wahlverwandten haben keine Chance: Am Ende des Goethe-Romans sind drei Tote zu beklagen; wer überlebt, tut es entweder als Tragödin oder als Heilige.

Die Regisseurin Barbara Weber scheint sich bei der Lektüre gefragt zu haben, ob man das ungestraft ernst nehmen darf oder ironisieren sollte – und konnte bis zur Premiere leider keine Antwort finden. In frappierender Positionslosigkeit dümpelt der Abend, mit dem das MaximGorki-Theater in die neue Spielzeit startete, vor sich hin: Da wird hier ein bisschen ironisiert, da ein wenig Bedeutsamkeit behauptet, dort ein Goethe-Häppchen weggenölt und hier wieder halbherzig aus der Rolle gefallen.

Britta Hammelstein hockt als liebeskranke Nichte wechselweise depressiv im Campingklappstuhl vor einer spießigen Schlossterrasse (Bühne: Alexander Wolf) oder hüpft – „hopsa, hopsa, hopsa“ – wie von der Tarantel gestochen auf selbiger herum. Die Motivation bleibt in beiden Fällen gleichermaßen diffus. Anja Schneiders Charlotte hat es da leichter, da sie sich über große Teile des Abends eh darauf beschränken muss, sich selbst und anderen Zigaretten anzuzünden: eine Fluppe für jede Tonart. Und die Männer – Wilhelm Eilers als Eduard und Jürgen Lingmann als Hauptmann – hocken, hopsen oder rauchen halt so mit; je nachdem, wie’s kommt.

Die Schauspieler haben keine Chance: Schon die Bühnenfassung, die die Regisseurin und der Dramaturg Ludwig Haugk aus dem Roman destilliert haben, scheint nicht zu wissen, worauf sie hinaus will. Erkennbar ist (immerhin, möchte man angesichts des Abends fast jubeln) lediglich eine Art stromlinienförmige Effizienz. Nebenstränge und -personen wurden mit chirurgischer Sauberkeit eliminiert. Und handlungstragende Passagen, die sich nach Regiemeinung weder in Dialoge auflösen noch anderweitig vermitteln lassen, delegiert man kurzerhand an eine Erzählerfigur (Johann Jürgens), die das dann praktisch vom Blatt vorträgt.

Man konnte Barbara Webers bisherigen Regiearbeiten einiges vorwerfen. Dass sie keine Perspektive auf ihren Stoff gefunden hätten, gehörte bislang nicht dazu. Insofern lässt einen die Ratlosigkeit dieser Inszenierung umso ratloser zurück.

Wieder: 17.9., 2.10., jeweils 19.30 Uhr.

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