Maxim Gorki Theater : Wo ist er denn, der Plot?

„Radikal“ ist ein, nun ja, radikal gegenwärtiger Politthriller von Yassin Musharbasch. Am Maxim Gorki Theater hat Regisseurin Anna Bergmann ein Stück daraus gemacht - und versenkt.

Gefühlsterror. Pegah Ferydoni, Johann Juergens und Holger Stockhaus (v.l.)
Gefühlsterror. Pegah Ferydoni, Johann Juergens und Holger Stockhaus (v.l.)Foto: Eventpress Hoensch

Ein muslimischer Bundestagsabgeordneter im Visier von Fanatikern. Ein Terrorexperte, der im Untergrund recherchiert. Eine zu allem entschlossene palästinensische Studentin. Ein Staatssekretär, der in mysteriösen rechtslastigen Politsalons verkehrt. Und eine Bombe, mitten in Berlin (alles Zitate vom Buchrücken des Politthrillers „Radikal“). Kurz: ein Wahnsinnsstoff, aus der sogenannten Gegenwart. Yassin Musharbasch, lange Jahre beim Spiegel und jetzt in der Rechercheredaktion der Zeit, hat im letzten Jahr ein Debüt veröffentlicht, bei dessen Lektüre es einem heiß und kalt den Rücken hinunterläuft.

Denn natürlich ist die Geschichte um den ägyptischstämmigen Politiker Lutfi Latif (Lutfi heißt der Freundliche), der sich um die Versöhnung von Christen und Muslimen bemüht und während einer Livesendung in die Luft gesprengt wird, fiktiv. Aber Musharbash hat die Geschichte so eng an die Verhältnisse im Hier und Jetzt geknüpft, dass einem das Ausgedachte als sehr wahrscheinliche Möglichkeit, als in der Luft liegendes Horroszenario entgegenkommt. Während kurz nach dem Anschlag ein Bekennervideo von Al Qaida auftaucht und für den BKA die Sache schon erledigt ist, recherchiert der zweifelnde Islamismusexperte Samuel Sonntag in eine ganz andere Richtung und sitzt bald bei einem ominösen, elitären Geheimbund radikaler Islamhasser auf dem Sofa einer Potsdamer Villa. Der Rassismus ist unbemerkt in die Mitte der Gesellschaft gewandert, so Musharbashs Befund. Während alle jahrelang den Blick starr auf Islamisten richteten, haben sich im Schatten dieser Aufmerksamkeit konservative Grüppchen unter dem Schlachtruf „Verteidigung des Abendlandes“ radikalisiert und setzen gezielte Provokationsnadelstiche, um, wie es im Roman heißt, „die Fronten zu schärfen“. Die Organisation um den Staatssekretär Dr. Sinn nennt sich „Kommando Karl Martell“, nach dem fränkischen Karl, der im 8. Jahrhundert nach Westeuropa drängende Araber erfolgreich zurückschlug. Die Provokation von „Radikal“ besteht wiederum darin, dass der Roman auf raffinierte Weise eine terroristische Kooperation der radikalisierten Feinde, ein gespenstisches Zusammengehen von Islamisten und Islamhassern durchspielt.

Wenn dieser Roman schon auf die Bretter einer Bühne geholt werden muss – dann kann es natürlich nur das uns noch immer tief sympathische Maxim-Gorki-Theater sein, dieses kleine, schnelle, grelle, auf Romanadaptionen spezialisierte Theater „mitten in Berlin“. Was passiert, wenn ein supergegenwärtiger Stoff an einem um Supergegenwart bemühten Haus herauskommt? Entweder ein Supertheaterereignis am Puls der Zeit. Oder – blubb – nichts. Regisseurin Anna Bergmann hat offenbar so lange auf die Aktualität des Stoffes gestarrt, dass sich im Schatten dieser Verkrampfung eine recht ausgeprägte logistische Überforderung (wie kriege ich die vielen Ebenen zusammen?) mit einer haarsträubenden Theaterbiederkeit verbunden und sich zähneklappernd radikalisiert hat. Mein lieber Scholli. Dräuende Hintergrundmusik und atemloses Hinter-dem-Plot-Herstolpern. Videogeflimmer wie aus dem Schwedensonntagabendkrimi, mikroverstärktes Gefühlsgesäusel Marke „Verbotene Liebe“ und danebengehende Ironisierung von Genres (der Geheimdienstler im Trenchcoat, die zynische Redakteurin mit betonhart gesprayten Dreiwetter-Haarhelm), wohin sich die verschachtelte Kreisbühne von Ben Bauer auch dreht. Andere Namen nennt man lieber nicht. Beim Verbeugen wirkt das Ensemble sehr reserviert, im unbeteiligten Blick ein deutliches: „Wir können nichts dafür!“ Andreas Schäfer

Wieder am 17. und 28.10.

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