Kultur : Mechanik des Bösen

Alexander Kluges 48 Geschichten für Fritz Bauer.

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Es war der 16. August 1944, als die Transportzüge mit fast 2000 verhafteten Juden von den griechischen Inseln Rhodos und Kos in Auschwitz ankamen. Zwei Wochen zuvor hatte ein spanischer Diplomat noch versucht, auf die Wachmannschaften Einfluss zu nehmen und ihnen zu signalisieren, dass die ganze Welt ihnen bei ihrem mörderischen Treiben zuschaue. Ohne Erfolg. In Auschwitz wurden die Gefangenen „sogleich in die Gaskammern geführt. 151 der Gefangenen von Rhodos und 12 aus Kos überlebten, weil sie wegen ansteckender Krankheit ausgesondert und auf Bahnstationen zurückgelassen wurden.“

Die Geschichte, die Alexander Kluge hier brutal sachlich erzählt, ist kaum eine Seite lang. Mehr braucht es jedoch auch nicht, um zu dokumentieren, wie der Holocaust organisiert und die Vernichtungsmaschinerie der Nazis am Laufen gehalten wurde, durchaus vor den Augen der Welt. „Wie in einer anderen Welt, durch eine unsichtbare Wand vom Übrigen getrennt“ heißt diese eine von den „48 Geschichten für Fritz Bauer“ aus Kluges neuem Buch. Der als Generalstaatsanwalt von Hessen tätige und 1968 verstorbene Bauer hatte die Auschwitz-Prozesse entscheidend auf den Weg gebracht – und den Israelis den Tipp gegeben, wo sie Adolf Eichmann in Argentinien finden können. Bauer wusste, so Kluge, dass es „gespenstische Fernwirkungen und nicht-kausale Netze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Attraktoren des Bösen und uns“ gibt. Das ist das Leitmotiv von Kluges wahren, vermutlich auch auf Akten Bauers basierenden Geschichten, die die menschliche Disparatheit jener Zeit abbilden und die Mechanik des Bösen unterkühlt herausarbeiten.

Kluge erzählt, wie manche Juden überleben konnten, warum die Nazis ein Wort wie „Desinteressement“ so liebten oder wie Spinoza „das Gute als Fluchthelfer des Bösen“ hergeleitet hat. Und er zieht, das kennt man von ihm, überraschende Verbindungen: von Proust zu Jacques Helbronner, „dem allerfranzösischsten aller Juden“ etwa; er begibt sich in die Tiefe der Zeit, da im 15. Jahrhundert die sephardischen Juden vertrieben wurden, und auch die posttraumatische Belastungsstörung eines SS-Mannes greift er auf. Am Ende ist man entsetzt, verstört – und hegt die Hoffung, dass auch das Gute Attraktoren haben kann. Gerrit Bartels

Alexander Kluge: „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist

ein Verräter.“

48 Geschichten für Fritz Bauer. Suhrkamp, Berlin 2013.

117 Seiten, 16,95 €.

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