Kultur : Meckern gehört zum Handwerk

„Die Ziege oder Wer ist Sylvia“ von Edward Albee als deutsche Erstaufführung am Berliner Renaissance-Theater

Günther Grack

Der Ehezwist im Hause des amerikanischen Architekten Martin Gray nimmt ein blutiges Ende: mit einem Eifersuchtsmord, wie er so nicht alle Tage vorkommt. Martins Frau Stevie hat die Geliebte ihres Mannes, eine gewisse Sylvia, umgebracht; sie zerrt die Leiche, der die Kehle durchgeschnitten ist, an den Beinen in die Wohnung und präsentiert sie ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Freund des Hauses mit einem einzigen Wort: „Da.“ Da liegt sie nun, ihre Rivalin, nackt wie die Natur sie schuf, ein starrer Körper, bedeckt mit einem Kleid aus weißem Fell – eine Ziege.

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Die Frage, die Thomas Bernhard an seine zwischen Scherz und Ernst pendelnden Stücke gerichtet hat, ist ohne Antwort geblieben, eine ironische Spielerei. Bernhards Kollege Edward Albee dagegen meint es in eigener Sache offenbar ernst: „Anmerkungen zu einer Bestimmung des Tragischen“ nennt der 75-jährige Amerikaner sein jüngstes Werk „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“, das kurz nach der deutschsprachigen Erstaufführung durch Andrea Breth in Wien (Tagesspiegel vom 12. Januar) nun am Berliner Renaissance-Theater herausgekommen ist, vom Premierenpublikum mehr mit Gelächter aufgenommen als mit irgendwelchen Anzeichen tragischer Betroffenheit. Wie sagt doch die Gattin des tierisch fremdgehenden Baumeisters, ehe sie sich ein Küchenmesser greift und zum Rachefeldzug aufs Land aufbricht: „Gewisse Dinge sind so furchtbar, dass man lachen muss.“

Anders als Andrea Breth, die Albees Szenen einer Ehe im Akademietheater in einer Fassung des Schriftstellers Albert Ostermaier spielen ließ, verwendet der Berliner Regisseur Felix Prader die autorisierte Albee-Übersetzung von Alissa und Martin Walser; freilich, ein Feigenblatt wird weder hier noch da vor den Mund genommen. Mitunter erlaubt sich Prader einen Insider-Gag: „Du bist schwul", gesteht der väterliche „Ziegenficker“ seinem Sohn, dem „Arschficker“, zu – „und das ist gut so“, und das von großmütterlicher Hand gemalte Ölbild, das die Schwiegertochter in ihrer Wut auf den Gatten von der Wand reißt und ebenso zertöppert wie allerlei Porzellan zuvor, erinnert in seiner orangeroten Monochromie an das total weiße Pendant in Praders größtem Inszenierungserfolg, Yasmina Rezas „Kunst“.

Eine Klangfläche schwillt steil an, um in einem Rrrums zusammenzufallen – ein Signal, das von Anfang an der Aufführung einen unheimlichen Unterton geben soll, so als werde auch die Wohnstatt der Familie Gray einstürzen, ein Ambiente von technisch karger Eleganz, in der ein Bauhaussessel mit rotbrauner Kuhfellbespannung eine eigene Pointe setzt (Bühnenbild: Werner Hutterli). Noch aber herrscht in der ersten Szene eine boulevardeske Lustspiellaune vor. Nachdem Martin seiner Frau das süßsaure Geheimnis seiner neuen Liebe wie im Scherz gestanden und damit nicht ernsthaft verraten hat, rückt er im Gespräch mit einem alten Freund namens Ross endlich mit der Wahrheit heraus, allerdings wortlos, nur mittels eines Fotos. Ross, von Uwe Bertram als bulliger Gemütsmensch gespielt, reagiert mit brüllendem Gelächter, kriegt sich wieder ein und bringt die Sache auf den Punkt: „Du fickst eine Ziege!“

Fällig ist der Ehekrach. Stevie, von Ross in den Fall von Sodomie brieflich eingeweiht, fordert, Sohn Billy an der Seite, von ihrem Mann Aufklärung und erhält sie auch: Martin bekennt sich zu seiner vierbeinigen Freundin, die ihm bei einem Ausflug aufs Land, wo er nach einem Wochenendhaus für die Seinen suchte, über den Weg gelaufen ist und ihn „mit diesen Augen, mit diesen Augen“ in Bann geschlagen hat – er schwärmt geradezu von einer „Offenbarung“. Christian Berkel, der anfangs, mit hängenden Armen, neben der Rolle gestanden hat, hat jetzt alle Hände voll zu tun, sich gegen die bessere Hälfte, die angeblich unvermindert geliebte, zu verteidigen: Andrea Sawatzki mit einem Gesicht, das blanke Empörung, pures Entsetzen spiegelt. Mit dem Zusammenprall dieses Ehepaares (das auch privat eines ist) gewinnt die Zimmerschlacht momentweise einen Ernst, der einem das Lachen vergehen lässt – ein Ernst, den der Autor allerdings satirisch desavouiert, wenn sein Held gesteht, dass er Therapie-Sitzungen sodomitisch Gleichgesinnter besucht hat, „Anonymer Ziegenficker“, wie Stevie trefflich formuliert.

Edward Albee hat sein Thema an vordergründige Effekthascherei verschenkt. Das moderne Gesellschaftsstück taugt nicht für ein Phänomen, das in den Bereich von Magie und Mythos gehört. Dort findet es sich dramatisch heraufbeschworen etwa in Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem drogenbeflügelten Liebestaumel der Elfenkönigin Titania und des in einen Esel verzauberten Webers Zettel. Oder bildhauerisch gestaltet in einer antiken Skulptur, die zeigt, wie Gott Pan, ein Wesen in Mannsgestalt mit Bockshörnern und Bocksbeinen, in eine rücklings sich spreizende Ziege eindringt. Ein Mann von heute, zum Beispiel ein renommierter Architekt, ist in dieser Situation nicht präsentabel – ein Fall für die Psychiatrie.

Weitere Vorstellungen bis 28. Februar.

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