Kultur : Medeas Kinder: Die Verlierer der Berliner Off-Theater-Lotterie

Ein Alptraum: An die 300 Anträge hatte die Berliner Off-Theaterszene eingereicht, hoffend auf einen Hauptgewinn oder auch nur einen Trostpreis in der Senatslotterie 2001. Weniger als zehn Prozent davon konnte die Jury beglücken, die im Auftrag der Kulturverwaltung die Mittel für Projekte und Spielstättenförderung, rund 900 000 Mark, verteilt. Ein Alptraum, der sich Jahr für Jahr wiederholt - wie soll man einer Szene gerecht werden, die per definitonem unhandlich, unübersichtlich, unberechenbar und unbürokratisch sein will. Was sollen die - handwerklichen, künstlerischen, ökonomischen - Kriterien sein, nach denen man die gute alte Senatskohle verteilt?

In der Regel aber hat sich der Modus, mangels Alternative, bewährt. Kritisch wird es immer dann, wenn der Beirat Angst vor seiner eigenen Courage bekommt und wie Medea seine Kinder meuchelt. So ein Fall ist nun eingetreten, in doppelter Ausfertigung. Das STÜKKE-Theater und das Theater Zerbrochene Fenster, beide seit vielen Jahren gute Kunden des Beirats und regelmäßig unter den Begünstigten, sollen nun plötzlich leer ausgehen. Kein Geld mehr vom Senat, aus und vorbei. Und nun?

Das ist der alte Widerspruch: Freies Theater ist kein Staatstheater, es hat keinen Anspruch auf Steuermittel. Gutes, professionell organisiertes freies Theater tendiert aber dazu, feste Strukturen aufzubauen, sich Räume zu erschließen (wie das STÜKKE-Theater jüngst in Friedrichshain), und die Theatermacher richten ein Gutteil ihrer Lebensplanung danach aus. Damit sprengt ein Off-Theater sein eigenes Gehäuse: Feste Zuwendungsverträge kann es hier nicht geben. Selbst die Schaubühne kann sich inzwischen ihrer Zuschüsse nicht mehr ganz sicher sein.

Die Jury-Schelte ist billig. In der freien Szene wird sie stets für alle Übel verantwortlich gemacht. Allein, die faktische Liquidation von zwei eingeführten Spielorten will nicht einleuchten. Schon gar nicht, wenn man den Zustand der großen Häuser betrachtet. Senator Stölzl spricht von "mutigen und innovationsfreudigen Entscheidungen". Auf solche Stereotypen haben sich all seine vielen Vorgänger zurückgezogen - und sich um ein grundsätzliches Problem der Berliner Theaterszene herumgedrückt. Die Frage ist, wie man mit den kleineren Privattheatern umgeht, von Tribüne bis Schloßpark-Theater, vom Renaissance-Theater bis STÜKKE. Denn in diese Reihe gehören jene Off-Gruppen, die über den Tag hinaus arbeiten. Vor ein paar Jahren hat der Gutachter Peter Stoltzenberg eine Reform versucht, die in den politischen Gremien zerpflückt wurde. Nun soll eine neue Evaluierung kommen. Das dauert Jahre. Bis dahin hat sich das STÜKKE-Theater längst in seine Bestandteile aufgelöst - und alle Fenster sind zerbrochen.

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