Kultur : Mediendampfer

Hermann Rudolph

Was das vergangene Jahrhundert an innerem Gefälle enthält, ist nicht zuletzt an den Biografien abzulesen, die es hervorbrachte. Die von Friedrich-Wilhelm von Sell ist ein eindrucksvolles Exempel dafür. Einer der Granden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, steckt er mit Herkunft und Jugend noch tief im kaiserlichen Deutschland, obwohl es das längst nicht mehr gab, als er 1926 geboren wurde: Der Vater Adjutant des Reichskanzlers, dann des Kaisers, schließlich Leiter von dessen „Privatschatulle“, das familiäre Umfeld entsprechend. Doch der Sohn wurde Mitgründer der FU, arbeitete im Institut für Politische Wissenschaften mit an Karl-Dietrich Brachers Analyse des Debakels von Weimar und machte Rundfunkkarriere. SFB, Mitgründer und Verwaltungschef des Deutschlandfunks, dasselbe beim WDR, dann knapp zehn Jahre Intendant des größten deutschen Medien-Dampfers.

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Dennoch lässt von Sells Biografie eigentlich keine Brüche erkennen. „Mit der Bindung an den letzten deutschen Kaiser“, bekennt der Sozialdemokrat, „kann ich gut leben“. Sie hat ihn jedenfalls nicht daran gehindert, im öffentlich-rechtlichen Laokoon-Ringen der Gremien und Personalentscheidungen kräftig mitzumischen. Allerdings verspricht der Titel „Mehr Öffentlichkeit“ mehr Programmatik, als das Buch hält. Vielleicht hätte es besser „Von Dahlem nach Dahlem“ geheißen, weil Sell im Alter an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt ist. Oder, noch besser, angesichts der souveränen, sicher in Herkunft und Lebensart eingebetteten Natur des Autors, den Berufsjahren im Herzen des Medienbetriebs zum Trotz: Einmal Dahlem, immer Dahlem.

Friedrich-Wilhelm von Sell: Mehr Öffentlichkeit. Erinnerungen. zu Klampen Verlag, Springe. 254 Seiten, 19,80 €

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