Medienkonferenz in Berlin : Bloß kein Boulevard!

Fördern Medien eine verängstigte Stimmung im Land? Eine Berliner Tagung diskutiert die Verantwortung der Presse in unruhigen Zeiten.

Von Annika Middeldorf
Die Deutschen und ihre Medien: Das Verhältnis könnte besser sein.
Die Deutschen und ihre Medien: Das Verhältnis könnte besser sein.Foto: Lukas Schulze/dpa

Sind die Deutschen eine verängstigte Nation? 2016 würde dazu allen Anlass geben: Terroranschläge, Massenmigration, Integrationsprobleme, Brexit, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Tatsächlich kommt die Studie einer Versicherung zu dem Ergebnis: „Nie zuvor sind die Ängste innerhalb eines Jahres so drastisch in die Höhe geschnellt wie 2016“. Andererseits lassen sich nicht alle Sorgenträger über einen Kamm scheren. Auf den Anschlag am Breitscheidplatz haben die Berliner vergleichsweise gelassen reagiert. Von Hysterie und Panik kaum eine Spur.


Wissenschaftler, Politiker und Medienschaffende kamen nun in der Berliner Akademie der Künste zusammen, um über eine angemessene Berichterstattung in unsicheren Zeiten zu diskutieren – und darüber, inwiefern Medien mit ihren Berichten und Kommentaren über Anschläge, Populismus und Zuwanderung die Stimmung im Land beeinflussen. Oder spiegeln sie vor allem die Sorgen der Bevölkerung? Eingeladen zur Civis-Konferenz mit dem Titel „Das neue deutsche Wir. German Angst“ hatte Aydan Özoguz (SPD), die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. 

Statistiken haben gegen Verunsicherung kaum eine Chance

„German Angst“ – diese schwarzseherische Haltung wird den Deutschen im steten Wechsel mal zu- und abgesprochen. Dass sie auf jeden Fall von einer diffusen Angst vor Veränderungen geplagt werden, das erlebt Özoguz häufig: „Wenn wir über Flüchtlinge sprechen, geht es eigentlich oft um Ängste“, erzählt sie. Diskussionen über ein Verbot zur Vollverschleierung wie im Sommer 2016 gehörten eigentlich nicht zur Sicherheitsdebatte, berührten die Menschen aber stark. Und: Statistiken und Fakten hätten gegen Verunsicherung und Fatalismus kaum eine Chance.


„Es ist eine Kommunikationsfalle, diesen Menschen zu sagen: Stellt euch nicht so an!“, so der Kasseler Soziologe Heinz Bude. Bislang gelingt es vor allem Populisten, den Menschen zu vermitteln: Wir nehmen dich mit deinen Sorgen wahr. Die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler sieht die Gefahr rechtspopulistischer Gruppierungen wie der AfD vor allem darin, dass sie Probleme beschreien, aber keine Lösungen anbieten. Der Bürger, meint Bude, glaube heute nicht mehr daran, als Einzelner etwas in der Gesellschaft verändern zu können. Populisten setzen dem Gefühl der Vereinzelung das der „exklusiven Solidarität“ entgegen: Wir gegen die anderen. Auch wenn die Frage nach dem „Wir“ und „den anderen“ in einer individualisierten Gesellschaft nur schwer zu beantworten ist. 

Vertrauensverlust wettmachen

Der Publizist Roger de Weck, Generaldirektor des Schweizerischen Rundfunks, hält es für verheerend, dass Journalisten vorgeworfen wird, Teil „einer abgehobenen, intellektuellen Elite zu sein, die die Sorgen der Bevölkerung nicht ernstnehmen oder besser als die Betroffenen, wissen was gut für sie ist“. Quer durch Europa liest man derlei Unterstellungen in sozialen Netzwerken oder Newsblogs. Nicht handwerkliche Fehler, sondern fehlende Nähe wird den Medienmachern vorgeworfen. Das schmerzt besonders. Journalisten sollten daran arbeiten, diesen Vertrauensverlust wettzumachen – darin sind sich die Konferenzteilnehmer einig.

De Weck appelliert an die eigene Zunft, man möge als Journalist trotz erhitzter Debatten einen kühlen Kopf bewahren. Eindringlich warnt er vor einer „Boulevardisierung“ der Medien, gar vor fremdenfeindlicher Panikmache. Wenn Journalisten Sachverhalte zu stark vereinfachen und Ängste bedienen, stehen Populismus und Boulevard sich in nichts nach. Zurückhaltung bei der Berichterstattung über den Terrorismus mahnt auch Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo an. „Terroristen rechnen in Sendeminuten und Schlagzeilengröße“, so Mascolo, der das Recherchebündnis von NDR, WDR und SZ leitet. Nicht über terroristische Aktionen zu berichten sei aber keine Alternative. Stattdessen: Sauber recherchieren, dem Leser Sachverhalte erklären, nüchtern analysieren und einordnen – alles Qualitätsmerkmale eines Journalismus, den viele Medienhäuser nur noch schwer finanzieren können.


Zum Alltag heutiger Medienmacher gehört auch der professionelle Umgang mit Falschmeldungen und den Versuchen, sie gezielt zu verbreiten. Etwa über die als „Social Bots“ bekannten Meinungsroboter, die liken und retweeten können wie menschliche Nutzer. Im Netz stiften die automatisierten Meinungsmacher bereits große Verwirrung. 

Wo liegen die Talente der Deutschen?

„Es gibt einen ungeheuren Deutungsbedarf in der Gesellschaft“, erläutert die Integrationsforscherin Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität. Auch andere Wissenschaftler sehen sich in der Pflicht, der verunsicherten Bevölkerung Orientierungshilfen zu geben. Dabei muss es aber nicht immer die sanfte Tour sein, meint der Bielefelder Psychologe Andreas Zick. Er sieht im Interessenstreit auch die Chance, Bewältigungsstrukturen und eine Art Konfliktkultur zu entwickeln. Soziologe Heinz Bude wünscht sich zudem „eine Utopie darüber, wer wir sind.“ Im Ausland würde Deutschland für seine „extrem erfolgreiche und dynamische Gesellschaft“ beneidet. Nur die Deutschen selbst haben keine Vorstellung von ihren Talenten.

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