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Medienkritik : Unser digitales Gedächtnis

27.02.2012 17:16 Uhrvon
Heilige Hallen. Aber die New York Public Library möchte jetzt mit Google kooperieren. Werden die hier gelagerten Bücher damit überflüssig?Bild vergrößern
Heilige Hallen. Aber die New York Public Library möchte jetzt mit Google kooperieren. Werden die hier gelagerten Bücher damit überflüssig? - Reuters

Früher gab es Wissen, abgespeichert im Gehirn. Dann kamen Schrift und Druckerpresse, heute gibt es das Internet. Wer braucht da noch selbst zu wissen? Eine kleine Reise durch die Geschichte der Medienkritik.

Es beginnt alles schon beim Entstehen dieses Textes: Einmal nur „Verändert das Internet das Gehirn?“ in die Googlesuche eingegeben, und schon liegt sie vor einem – diese Fläche aus Zeitungsartikeln und Forschungsstudien, Meinungstexten und lexikalischem Wissen. Binnen weniger Minuten lässt sich da viel erfahren – etwa über den „Flynn-Effekt“, jenes erstmals von dem neuseeländischen Politologen James R. Flynn beschriebene Phänomen, wonach der Durchschnitts-IQ in westlichen Ländern bis in die Mitte der 90er Jahre konstant stieg. Danach stagnierte er oder nahm gar ab. Warum, das weiß keiner so genau. Einige nennen den steigenden Anteil von Migranten in den jeweiligen Testgruppen als Ursache, andere Veränderungen im Schulsystem.

Komischerweise scheint keiner auf den wachsenden Einfluss technischen Geräts auf unsere Alltagskommunikation abzuheben. Stattdessen lernen wir, dass die Sphäre des räumlichen Vorstellungsvermögens bis heute immer besser ausgeprägt ist, wohingegen die Konzentration auf einen Text, einen semantischen Zusammenhang, immer schwieriger wird.

Dabei stolpert man auch über den internetskeptischen „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher und sein Buch „Payback“ und weiß am Ende, dass wir bald nichts mehr wissen, weil uns nicht nur der Drang, Dinge zu behalten, sondern auch die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden, abhandenkommt.

Die Jugend von heute, so lassen sich diese Befunde zusammenfassen, begreift zwar binnen kürzester Zeit selbst kompliziertere Benutzeroberflächen technischer Geräte. Lesen oder gar Gelesenes zu speichern, fällt ihr derweil aus den genannten Gründen immer schwerer. Dem traditionsbewussten Bildungsbürger, aufgewachsen in einer Welt, in der Klassiker durch gewissenhafte Lektüre oder gar Auswendiglernen performativ geheiligt wurden, muss das verdächtig erscheinen: Wo die Erwähnung von Schillers „Glocke“ keine kollektiven Rezitationsreflexe mehr auslöst, scheint der Untergang des Abendlandes nah. Dabei sind die allerjüngsten Entwicklungen in die meisten Lamenti noch gar nicht eingespeist.

Mit etwas kulturpessimistischer Verve könnte man behaupten, dass erst mit der Smart Communication – der Durchsetzung des mobilen Internets auf Handys – sich das massenhafte Gegenbild von dem realisiert hat, was das klassische Bildungsideal ausmacht. Die allzeit verfügbaren Informationsspeicher machen eigene Gedächtnisleistungen nahezu obsolet, jedes Unterscheiden in „werthaltig“ und „vernachlässigenswert“ erübrigt sich. Wo Information allgegenwärtig ist, hat echtes Wissen – jene bereits in Platons Theätet beschworene „wahre, gerechtfertigte Meinung“ – offenbar keine Chance mehr. „Was wir da tun, wenn wir vor unseren Minitels, Apples und Commodores sitzen, ist derart primitiv, daß keinerlei Symposien, Workshops oder Seminare darüber hinwegtäuschen können. Es ist eben nur eine Karikatur des Denkens“: Was der Medienphilosoph Vilém Flusser bereits 1987 in seinem Essay „Die Schrift“ festhielt, scheint heute, da die Nachfahren der genannten Gerätschaften noch einmal rabiat an Einfluss gewonnen haben, aktueller denn je.

Kein Gang in die Bibliothek mehr? Kein Griff zum Lexikon im eigenen Bücherregal? Überhaupt keine selbstständige Erinnerungs- und Gedächtnisleistung mehr – nicht in der Kneipe um die Ecke, wo das Gespräch auf die griechische Mythologie kommt und einem partout die Mutter der Musen nicht einfallen will (Mnemosyne), und nicht am heimischen Abendbrottisch, wo die dringliche Frage erörtert wird, wer 1966 im Finale des Europapokals der Pokalsieger den zwischenzeitlichen Ausgleich für den FC Liverpool besorgte (Roger Hunt)?

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