MEDIENSATIRE„Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ : Sendebewusstsein

Nadine Lange

Menschen, die die Welt verändern wollen, sind heutzutage vor allem erst mal eins: verdächtig. Verdächtig, nicht ganz dicht zu sein, verdächtig, Propaganda zu machen oder gleich terrorverdächtig. Im besten Falle hält man sie für naiv. Hans Weingartner stört das alles nicht. Der Regisseur des kapitalismuskritischen Erfolgsfilms „Die fetten Jahre sind vorbei“ sagt: „Ich träume diesen Traum, mit meinen Filmen etwas verändern zu können. Das ist meine Motivation, Filme zu machen.“ Durch diesen Anspruch gerät er gelegentlich ins Agitieren, was in seinem neuen Werk „Free Rainer“ besonders auffällig ist. Doch man sollte versuchen, darüber hinwegzusehen, denn die inspirierenden Momente dieses wilden Genre-Stilmixes wiegen die pamphlethaften Passagen auf.

Weingartner knöpft sich das Fernsehen vor, das er als Volksverdummungsmaschine sieht. Eine alte, aber deshalb nicht weniger wahre Feststellung angesichts einer durchschnittlichen Fernsehdauer von vier Stunden täglich. Im Mittelpunkt steht der egomanische Privatfernseh-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu, Foto, links). Wie der in der ersten Viertelstunde bis in die Haarspitzen zugekokst durch Berlin rast, einen Crash baut und anschließend seinen Jaguar mit einem Baseballschläger zerkloppt, ist ganz großer Kino-Spaß. Nach einem weiteren Unfall landet Rainer im Krankenhaus und beschließt, sein Leben zu ändern. Das Schrott-TV, was er vorher selbst produziert hat, greift er nun an. Er tut sich zusammen mit der jungen Pegah (Elsa Sophie Gambard, rechts) und dem nerdigen Phillip (super: Milan Peschel, Mitte). Ihr Plan: Die Einschaltquoten manipulieren und damit die TV-Sender zwingen, ein besseres Programm zu machen. In einer verlassenen Ost-Pension installieren sie ihr Hauptquartier und heuern Arbeitslose, Außenseiter und Obdachlose an, um ihre Guerilla-Aktion umzusetzen.

Die Dreier-Konstellation und die weltanschaulichen Dialoge erinnern ein wenig an „Die fetten Jahre sind dabei“, wobei Elsa Sophie Gambard stets blass bleibt. Ihr fehlt es an Präsenz. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und Bleibtreu funktioniert nicht richtig. Wunderbar gelungen ist hingegen die utopische Collage, die den Erfolg der Quoten-Trickserei illustriert. Das ist so sympathisch, dass man sich glatt eine fernsehfreie Woche verordnen möchte. Gesellschaftskritisches Feel-Good-Movie. Nadine Lange

„Free Rainer – Dein Fernseher lügt“, D 2007,

138 Min., R: Hans Weingartner, D: Moritz Bleibtreu,

Milan Peschel, Elsa Sophie Gambard

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