Kultur : Medientreffpunkt am Reichstagsufer

JÜRGEN TIETZ

Seine Feuertaufe hat das "Presse- und Besucherzentrum" - kurz als PBZ bezeichnet - des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung am Reichstagsufer bereits hinter sich.Zum Besuch von US-Präsident Clinton waren 2000 Journalisten in dem Ende 1997 eröffneten Gebäude akkreditiert.Zur Bundestagswahl am 27.September hatte der SFB sein Wahlstudio in der gläsernen Halle aufgebaut.Die eigentliche Arbeit beginnt für das Presse- und Informationsamt freilich erst mit dem endgültigen Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin.

Wie eine herausgezogene Schublade liegt der flache Baukörper des PBZ vor dem Herzstück des Presse- und Informationsamtes, dem 1913/17 von Alfred Lemp errichteten ehemaligen Postscheckamt an der Dorotheenstraße, das in den zwanziger Jahren erweitert wurde.Es wird als letzter Bauabschnitt 1999 fertiggestellt.Die Hauptschwierigkeit bei der Herrichtung des Gesamtkomplexes durch den Berliner Ableger des Büros KSP Engel Kraemer Zimmermann lag darin, die aus unterschiedlichen Epochen stammenden Gebäude zu einer funktionalen Einheit zusammenzufügen.

Entgegen der Berliner Vorliebe für beengende Blockrandbebauungen in der Tradition des 19.Jahrhunderts markiert ein weiter öffentlicher Platz den Zugang zum PBZ, der sich von der Spree aus sanft zum Haupteingang anhebt.Reichstag und Bahnhof Friedrichstraße liegen von hier aus in Sichtweite.Der Neubau des PBZ ist auf dem Untergeschoß einer liebevoll als "Freßwürfel" bezeichneten Gaststätte aus DDR-Zeiten entstanden.Ein einzelnes Sheddach überragt den steinernen Rahmen aus grau-braunem Oberdorlaerm Muschelkalk, der den Bau einfaßt.Seine in der Horizontalen mit Stahl gefüllten Fugen betonen die gediegene Wirkung des Materials.Trotz des Natursteins ist die Transparenz das wichtigste Kennzeichen des PBZ.Als eine luftige Hülle umschließt der Foyerbereich aus Glas und Stahl den Würfel des eingestellten Konferenzzentrums, der - wie ein Haus - vollständig umschritten werden kann.Im Inneren kennzeichnet den mit der notwendigen Medientechnik ausgestatteten Konferenzbereich hohe Flexibilität.Seine halbautomatischen Wände ermöglichen es, den Raum in maximal sechs, jeweils 60 Quadratmeter große Kompartimente aufzuteilen.Werden alle Raumsegmente zu einem einzigen Raum zusammengeschaltet, können hier Pressekonferenzen für bis zu 360 Besucher abgehalten werden.Das PBZ dient als Medientreffpunkt bei Staatsbesuchen ebenso wie als Domizil der Bundespressekonferenz, die hier zu Gast ist, bis ihr eigenes Berliner Haus an der Reinhardtstraße fertiggestellt wird.Daneben können auch Besuchergruppen und sonstige Interessierte einen Blick in das Gebäude werfen.

An den Konferenzbereich grenzt ein komplettes Fernsehstudio an, das bereits an den benachbarten Gebäudeteil des ehemaligen Postscheckamtes anschließt.An seiner 120 Meter langen Brandwand zum PBZ wurde der Altbau um einen zusätzlichen Büroflügel erweitert.Er präsentiert sich mit einer eleganten doppelten Fassadenschale aus Glas.Unter seinen mit einem schwarzen Punktraster bedruckten Glaslamellen, die abhängig von Sonnenstand und Witterung automatisch auf- und zugefahren werden, zeichnet sich schemenhaft das schachbrettartige Raster der zweiten gläsernen Fassadenschicht ab und verleiht der Fassade Tiefe.Der Lamellenkonstruktion an dem nach Osten orientierten Büroflügel kommt - ähnlich wie beim debis-Hochhaus am Potsdamer Platz - nicht nur eine ästhetische Wirkung zu.Sie dient zur Regulierung des Klimas in den hinter ihr liegenden Büros.Hinter den geschlossenen Lamellen können die Fenster ohne Sicherheitsbedenken nachts geöffnet bleiben und so zum Luftaustausch beitragen.Bei starker Sonneneinstrahlung bieten die Lamellen Schutz, bei diffuser Beleuchtung können sie dagegen durch Reflexion zusätzliches Licht in die Büros bringen.

Dem neuen Gebäudeflügel kommt durch seine zentrale Position zwischen den übrigen Bauteilen eine herausgehobene Bedeutung zu.Über sein Tiefgeschoß wird zukünftig die gesamte Versorgung des Presse- und Informationsamtes erfolgen.Das zur Dorotheenstraße gerichtete Treppenhaus dient zudem zur Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Höhenniveaus der über die Jahrzehnte errichteten Bauteile.

In dem begrünten Innenhof, der sich zwischen der Rückseite des PBZ und dem zweiten Bauabschnitt des Presse- und Informationsamtes an der Dorotheenstraße 80 anschließt, finden sich die letzten Fragmente einer Inkunabel der Barockarchitektur Berlins.Eine einzelne Säule erinnert daran, daß hier einst das von Andreas Schlüter errichtete Landhaus Kamecke stand.Im nahen Bodemuseum werden die Reste seines Skulpturenschmucks bewahrt.An Stelle des im Krieg zerstörten Landhauses Kamecke schimmert heute ein Bau in südlich warmem Orangerot.Wer ihn sieht, ahnt kaum, daß sich unter der dünnen Putzschicht ein später DDR-Plattenbau verbirgt.Die aus der Bauflucht hervorragenden grauen Metallaibungen der quadratischen Fenster akzentuieren seine Fassade und verleihen ihr ein sparsames Relief.Statt eines angedeuteten Satteldaches wie zu DDR-Zeiten bekrönt jetzt ein weitgehend in Glas aufgelöstes Staffelgeschoß das Gebäude.Malerisch und streng zugleich verleiht der mit einer neuen Fassade versehene Plattenbau der Dorotheenstraße einen qualitätvollen aktuellen Akzent.Mit präziser Architektursprache umgestaltet, dokumentiert er, daß eine ansprechend repräsentative Architektur auch ohne die in Berlins Mitte allzu häufige verwendete Natursteinverkleidung entstehen kann.

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