Kultur : Medizin für Maler

Die Auktionsrekorde in London setzen neue Akzente - manches wird billiger

Matthias Thibaut

Damien Hirst hat den hochbetagten Jasper Johns als teuersten lebenden Künstler am Auktionsmarkt abgelöst. Das Neue, Frische und Angesagte machte auf dem Kunstmarkt dieser Woche in London einen weiteren Sprung nach vorn.

Johns Meisterwerke stammen aus den sechziger Jahren und hingen in Museumsausstellungen der ganzen Welt, bevor sie Superpreise erzielten. Hirsts „Lullaby Spring“, das am Donnerstagabend für 14,3 Millionen Euro versteigert wurde, entstand 2002 und dürfte direkt aus einem Lagerhaus zur Auktion gekommen sein. Dort wird die teuerste Kunst nun aufbewahrt, denn sie dient der spekulativen Vermögensanlage, nicht der sinnlichen Kommunikation. Der Preis hat seine Vorgeschichte. Anfang Mai erzielte Hirsts Pillenschrank „Lullaby Winter“, bei dem die sorgfältig aufgereihten Medikamente grau und düster aussehen, so als kämen sie aus dem Bereich der Beruhigungs- und Schlafmittel, in New York den Auktionsrekord von 7,4 Millionen Dollar. Dann war Hirsts mit 8501 Diamanten besetzter, im Scheinwerferlicht der Londoner White Cube Galerie funkelnder Totenschädel „For the Love of God“ das Klatschthema der Kunstwelt. Die Neugierigen standen Schlange, Galerist Jay Jopling konnte Hirsts wichtigste Galerieausstellung seit Jahren auf Anhieb verkaufen – mit kräftig hochgeschraubten Preisen. Ohne Totenkopf lag der Gesamtwert der Schau bei 100 Millionen Dollar.

Nun kam, nach all dieser Reklame, bei Sotheby’s „Lullaby Spring“ mit 6136 Pillen in frühlingshaften Farben. Sieben Telefonbieter und der einflussreichste Galerist der Szene, Larry Gagosian aus New York, mischten beim Bieten mit, bis der Preis für das Parallelstück verdoppelt war. Die längste Bietschlacht, das teuerste Los der Woche aber war ein lebensgroßes Selbstporträt von Francis Bacon, 1978 gemalt, für das ein amerikanischer Sammler 21,5 Millionen Pfund (32 Millionen Euro) bezahlte. Hier hatten die 52,6 Millionen Dollar, die eine Papststudie von Bacon bei Sotheby’s im Mai erzielte, grünes Licht für den Aufschwung gegeben, und Bacon zog am Impressionisten Claude Monet vorbei, dessen Preise Anfang der Woche bei den Moderne-Auktionen das meiste Aufsehen erregten.

Auch Christie’s hatte seinen Superstar: Ein Porträt von Lucian Freud war mit 7,8 Millionen Pfund kurzfristig der Auktionsrekord für einen lebenden europäischen Künstler. Sogar bei den klassischen Modernen kamen Arbeiten, die erst vor ein paar Jahren auf dem Markt waren, schon wieder doppelt so teuer: Joan Mirós Gouache „Le Coq“ war 2003 noch für 1,9 Millionen Pfund zu haben und wurde nun für 6,7 Millionen Pfund (9,9 Millionen Euro) verkauft.

Schwieriger einzuschätzen sind die Superlose der Impressionistenauktionen: Ein herrliches, vielleicht etwas dunkles Seerosenbild kostete bei Sotheby’s 27 Millionen Euro. Bei Christie’s wurde eine Version der Waterloo Bridge, bei der die Sonne durch den Nebel dringt, für 26,5 Millionen Euro verkauft. Aber der Monet-Rekord bleibt seit 1998 unangetastet. Es wird immer schwieriger, ein Gemälde des Künstlers zu finden, das mit den Preiskometen der Zeitgenossen mithalten kann. Alles deutet darauf hin, dass die Preise bei den Impressionisten stagnieren: Christie’s Angebot in diesem Segment wurde bloß zum Teil verkauft.

Insgesamt waren die Auktionen erneut phänomenal erfolgreich. Preise und Umsätze haben sich im obersten Segment seit dem vergangenen Jahr verdoppelt. Sieht man allerdings genauer hin, dann wird eben nicht alles teuerer. Nicht nur bei den Impressionisten fällt vieles durch die Maschen. Auch Nachkriegskunst, die vor ein paar Jahren noch vielversprechend auf der internationalen Bühne gehandelt wurde, verschwindet nun aus den Prestigeauktionen und sinkt auf nationales Preisniveau ab: Kunst der fünfziger Jahre, Cobra, deutsche Abstraktion von Ernst Wilhelm Nay oder Emil Schumacher. Sogar um die Leipziger Maler wird es schon wieder stiller. So bildet sich die wachsende Kluft zwischen den Superreichen und den weniger Wohlhabenden auch am Kunstmarkt ab. Was andererseits schön ist: Es gibt sie noch, die Kunst für die ärmeren Sammler.

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