Kultur : Meer der Last

PERFORMANCE

Jens Hinrichsen

Nicht ganz so bizarr wie die Formaldehyd-Missgeburten im Medizinhistorischen Museum der Charité wirken die „Stimmen hinter Glas“: In seiner Komposition "Le Voci Sottovetro" (1999) verfremdet Salvatore Sciarrino 400 Jahre alte Musik. Alt trifft Neu, das prägt insgesamt die Musik-Text-Collage Das Urteil von Eberhard Kloke . Der Dirigent und Initiator dieses Projekts hängt kühn ein Stück von Morton Feldman an eine Bach-Chaconne (ausdrucksreich gespielt von der Violinistin Christiane Edinger). Überraschend gut vertragen sich auch Ives, Wagner, Monteverdi und Cage miteinander.

Ein anspruchsvolles Programm, das Kloke in zwei Pakete über Nachmittag und Abend verteilt. In Abschnitt1 dominiert das Prinzip Collage, kommentiert von Aufzeichnungen Elias Canettis. Teil2 gerät musikalisch einheitlicher, weil von Orchesterliedern Gustav Mahlers bestimmt. Und in der abendlichen Atmosphäre kommt auch die Ruinenromantik des Schauplatzes voll zur Geltung: der im kriegszerstörten Zustand „eingefrorene“ alte Hörsaal der Charité dient zwei hervorragenden Gesangssolisten zeitweise als Bühne: Annette Robbert und Kay Stiefermann sorgen als Siegfried und Waldvogel in einer (für Kammerorchester, Sopran und Bariton eingerichteten) Wagner-Passage für Akzente. In Gustav Mahlers „Abschied“ sind allerdings Unstimmigkeiten im neunköpfigen Orchester zu hören. Zudem schielt hier die Arbeitsteilung zwischen Bariton und Sopran arg auf Effekt. Ungewöhlich auch der Verschnitt von Mahlers Abschiedsschmerz mit der Schilderung einer krankhaften Vater-Sohn-Symbiose in Kafkas „Urteil“ – doch Sprecher Tilo Keiner weiß den Text beklemmend zu gestalten.

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