Kultur : Meg Stuart: Tanz im August

Sandra Luzina

Wer beobachtet wen? Eine Frau sitzt auf einem Sessel und spricht mit suggestiver Stimme in ein Mikro. Sie betrachtet den Mann, unablässig schaut sie ihn an. Rachid Ouramdane ist nur als Videobild anwesend. Eine Überwachungskamera hält seine Bewegungen in dem winzigen Raum fest. In "My Private Room" erzählt die Choreographin Meg Stuart von dem vollständigen Verlust an Privatheit. Ist die Frau eine Liebende? Oder dirigiert sie ihn? Mit sanfter Stimme gibt sie ihre Anweisungen. Und er bietet seinen Körper dar. Die Zuschauer beobachten eine Frau, die einen Mann beobachtet. Kontrollzwang, Begehren, Voyeurismus gehen eine unheimliche Allianz ein.

Mit zwei atemberaubenden Solos aus ihrem Projekt "Highway 101" ist Meg Stuart beim "Tanz im August" vertreten. Und macht Schluss mit aller Nettigkeit. In "Software" setzt sie sich mit dem Verfahren des Morphing auseinander. Nicht die Manipulation des Computerbildes ist zu sehen, live ist zu verfolgen, wie dieser ausgestellte Körper aberwitzige Wandlungen und Mutationen durchläuft. Die Tänzerin in T-Shirt bewegt nur einzelne Teile des Torsos. Aus kleinen Verschiebungen resultieren dramatische Entstellungen. Zur Soundcollage mit Filmausschnitten entsteht ein öffentlicher Körper, zusammengesetzt aus medialen Bildern, stereotypen Posen und sexuellen Stellungen. Diese Frau erschafft und zerstört sich im gleichen Moment. Erbarmungslos seziert Meg Stuart das Obszöne, das als Effekt eines festgelegten Körper-Arrangements erscheint. Sie bewegt sich auf die radikale Entäußerung zu. Am Ende sieht man eine rasende, monströse Körpermaschine. "Software" lässt einen schaudern. Mit der beklemmenden Performance hat Meg Stuart wieder einmal bewiesen, dass sie eine außergewöhnliche Performerin ist.

Mit Morphing und Manipulation des Körperbildes setzen sich auch Rachid Ouramdane und sein Projekt Fin Novembre auseinander. Die Franzosen haben sich mit Infrarot- und Überwachungskameras hochgerüstet. Wir sehen zwar die "realen" Körper in Aktion. Doch die technischen Bilder überblenden und überwuchern zusehends die realen Abläufe, sie absorbieren die Aufmerksamkeit des Betrachters, bewirken eine schleichende Entwirklichung. Wir sehen die Gesichter eines Mannes und einer Frau, die umgeformt und überblendet werden und bald eine unheimliche Ähnlichkeit aufweisen. Bizarre Mutationen und Kreuzungen werden vorgeführt. Wir sehen kein Selbst, sondern Oberflächen, die sich dehnen und verformen lassen. "Au bord des métaphores" nimmt mit seinen taumelnden und ineinanderstürzenden Bildern von zertrennten und zusammengesetzten Körpern gefangen. Ouramdanes Botschaft: Dies ist Krieg, diese Bilder attackieren den Körper. Sein Stück besitzt durchaus hypnotische und irritierende Momente, gleitet aber bald in die technische Spielerei ab.

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