Meg Wolitzer: "Die Interessanten" : Einfach da sein

Meg Wolitzers Roman "Die Interessanten" ist ein Roman übers Erwachensenwerden, aber auch über vierzig Jahre amerikanische Geschichte.

von
Die US-amerikanische Autorin Meg Wolitzer
Die US-amerikanische Autorin Meg WolitzerFoto: Dumont Verlag/Nina Subin

Spirit-in-the-woods“ – so lautet der Name und das Programm eines Camps, in dem sich eine Gruppe von amerikanischen Teenagern Mitte der siebziger Jahre erstmals begegnet, um zusammen den Sommer zu verbringen, um zu malen und zu musizieren, zu töpfern und zu tanzen – und auch, um später nie mehr ganz auseinanderzugehen. „Die Interessanten“ nennen sie sich in ihrem jugendlichen Überschwang, auch ein bisschen ironisch, Jules, Ethan, Ash, Goodman, Cathy und Jonah – und „Die Interessanten“ heißt denn auch dieser Roman der US-Schriftstellerin Meg Wolitzer, der den Irrungen und Wirrungen dieser Clique über 40 Jahre hinweg folgt.

Mit viel Wärme und Empathie berichtet Wolitzer von den sich kreuzenden und gabelnden Lebenswegen ihrer Protagonisten, von ihren Erfolgen und Rückschlägen, Wünschen und verlorenen Illusionen. Wolitzer erzählt unterhaltsam und berührend, vermeidet es aber, pathetisch zu werden, selbst bei Themen wie Kinderkriegen und Tod, Aids und Autismus. Schon früh gibt die 1959 in Long Island, New York, geborene Autorin Hinweise, wohin der Weg des einen oder der anderen führt – doch was zu beiden Seiten dieses Weges liegt, welche Hürden sich dort aufbauen, das ist die eigentliche Geschichte dieses Romans.

Ein Roman übers Erwachsenwerden

Im „Spirit-in-the-woods“-Camp bekommen die Jugendlichen tatsächlich einen besonderen spirit. Sie rauchen Gras, trinken Wodka und reden über Günter Grass und Anaïs Nin. Sie probieren neue Rollen und prüfen, wie es sich anfühlt, Künstler oder Intellektueller zu sein. Sie eignen sich eine ironische Haltung an, die ihnen einen autonomen Zugriff auf die Welt gestattet – mit all ihren Verheißungen und Versprechen. Und sie reden sich die Köpfe heiß über existentielle Fragen des Lebens. Und spüren dabei ihre Sehnsucht, dieses unstillbare Verlangen nach etwas, von dem sie nicht genau wissen, was es wirklich ist.

Julie Jacobson, genannt Jules, ist eine von ihnen, sie stammt wie Wolitzer aus Long Island. Eine, die eigentlich nicht dazugehören dürfte, wie sie selbst findet. Die Fünfzehnjährige ist der Vorstadttristesse ihres Zuhauses entflohen, schämt sich für ihre komische Dauerwellen-Pudelfrisur und staunt, dass die anderen sich überhaupt mit ihr abgeben.

Die anderen, das sind Ash und Goodman Wolf, das schöne, privilegierte Geschwisterpaar, die geheime Kommandozentrale der Truppe, Sprösslinge einer wohlhabenden liberalen Familie mit Wohnsitz an der Upper West Side New Yorks. Dann ist da der pickelige, pummelige Ethan, ein hochbegabter Nerd, der stundenlang Trickfilme zeichnet und mit seinem kauzigen Vater in einer chaotischen Wohnung im Village wohnt. Dann Jonah, der attraktive Sohn einer berühmten Folksängerin, Joan Baez lässt grüßen, der selbst viel Talent für Musik und Melancholie hat. Und schließlich noch Cathy, die mit riesigen Brüsten gesegnet ist, welche allerdings ihrer Karriere als Tänzerin buchstäblich im Wege stehen.

Meg Wolitzer erzählt mit einem feinen psychologischen Gespür, oft mit diversen Ankündigungen und Zeitsprüngen hantierend, wie sich ihre Helden entwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, was sich aus Talent und Begabung alles machen lässt und in welchem Maß Privilegien und Geld eine Rolle spielen. Ist es die Mitgift, die wir von zu Hause mitbringen – oder sind es nicht vielmehr Freunde und Weggefährten, die uns prägen und unsere Lebenswege bestimmen?

Ethan, der im Camp von Jules zurückgewiesen wird, heiratet später Ash und wird extrem erfolgreich mit seinen Trickfilmen, er bringt es zum reichen Unternehmerkünstler. Die zartgliedrige Ash hingegen erlangt Reputation als feministische Theaterregisseurin – und wird doch in den Rezensionen ihrer Aufführungen immer als „Frau von Ethan“ bezeichnet.

Jules wiederum, die ewige „heimliche“ Liebe von Ethan, wird Psychotherapeutin, eine von ihren Klienten geschätzte, bewunderte, aber geschäftlich nicht besonders geschickte. Sie und ihr fürsorglicher, durch und durch unironischer Lebensgefährte Dennis, dessen „größtes Talent es ist, einfach da zu sein“, bilden den lebensweltlichen und karrieretechnischen Kontrast zu Ethan und Ash: Dennis ist zwar bodenständig und scheinbar durch nichts zu erschüttern – aber eine schwere Depression entzieht ihm immer wieder seinen Grund. Seine Stelle als Ultraschalltechniker verliert er wegen seiner psychischen Erkrankung, und zusammen wurschteln sich Jules und Dennis irgendwie durch. Jules hadert mit ihrem Schicksal, und obwohl sie ihre Freunde Ethan und Ash liebt, ist sie doch neidisch angesichts deren Glücks und Reichtums. Der Neid zermürbt sie – denn hat Neid in einer Freundschaft überhaupt Platz?

Aber auch über vierzig Jahre amerikanische Geschichte

Es ist das andere große Thema dieses Romans: Freundschaft und Verrat. Wie viel Geheimnisse können Liebe und Freundschaft vertragen? Was wird aus unseren Sehnsüchten und Wünschen im Laufe unseres Lebens? Und was heißt es eigentlich, ein erfülltes Leben zu führen? Zumal in einem Land, das sich in einem ständigen Wandel befindet: Der Rücktritt Nixons, das Ausbrechen von Aids, das Trauma des 11. Septembers, die Finanzkrise – all das scheint im Hintergrund von „Die Interessanten“ dezent, aber klar umrissen auf. Vierzig Jahre amerikanische Geschichte beeinflussen auch das Leben von Wolitzers Protagonisten, sie haben nicht zuletzt eine Stellvertreterfunktion für ihre jeweilige Generation.

„Die Interessanten“ bekommt da fast etwas von einer „Great American Novel“, auch weil Meg Wolitzer es virtuos versteht, die Genres zu vermischen und andeutungsweise essayistische Passagen einstreut. Interessant ist dieser Roman allemal, um nicht zu sagen: gut und gelungen. Nicht so interessant sind à la longue seine Figuren. Aber nicht jeder Reifeprozess führt automatisch zu Interessantheit, nicht jede Begabung zu einer großen Karriere. Das Mittelmaß will akzeptiert werden, und auch davon erzählt dieser Roman eindrücklich: wie schwer genau das mitunter ist.

Meg Wolitzer:Die Interessanten. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.Dumont Buchverlag, Köln 2014. 606 Seiten, 22,99 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben