Kultur : Mehdi Chouakri: Glamour des Wirklichen

Mehdi Chouakri[bis 3. M&auml],Gipsstraße 11[bis 3. M&auml]

Aus der Spannung zwischen Glamour und Alltag besteht nicht nur die alljährliche Magie der Berlinale, sondern auch eine Show von Isabell Heimerdinger und Udo Kier in der Galerie von Mehdi Chouakri. Passenderweise ist die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin und dem Schauspieler während der Filmfestspiele zu sehen: Wie keine zweite setzt sie sich die in Berlin lebende Heimerdinger mit der Wirklichkeit im Kino auseinander; und es gibt kaum einen anderen lebenden deutschen Filmschauspieler, dessen flüchtiges Auftreten in abseitigen Streifen glamouröser ist als das von Kier.

Dabei irrt man sich, wenn man meint, mit der Ausstellung versuche die bildende Kunst zu Berlinale-Zeiten ein wenig von der Aufmerksamkeit und dem Starkult des Kinos abzubekommen. Kier und Heimerdinger haben ein Konzept zwischen Zeigen und Verhüllen erarbeitet, das ebenso streng wie genießbar ist. Die Künstlerin visualisiert, was das Kino sonst verbirgt: Sie hat den Schauspieler dabei gefilmt, wie er in einem Hotelzimmer eine neue Rolle einstudiert. Wir sehen Kier in legerem Aufzug in einem luxuriösen Hotelzimmer. Es könnte auf der Berlinale sein. Bei einer Tasse Kaffee lernt er die Rolle von Pontius Pilatus. Man meint, die Realität hinter der Bühne zu sehen; die Arbeit, die dem Film zugrunde liegt. Doch allein die artifiziellen Requisiten zeigen, dass es sich bei der vermeintlichen Wirklichkeit um Fiktion handelt - auch hinter der Bühne läuft noch ein Film (16 000 Mark). Den Gadanken verfolgt Heimerdinger auch in anderen Serien: Seit 1996 eliminiert sie Hauptpersonen aus Filmen wie "Blue Velvet" oder dem japanischen Horrorgenre und lenkt den Blick auf filmische Innenräume und settings.

Auch mit der neuen Fotoserie von "Production Stills" (je 4000 Mark) outet Heimerdinger die Inszenierung der gezeigten Szene. Sie zeigt die Requisiten der Illusion, das leere Hotelzimmer, die Vorhänge, den Lehnsessel und schließlich auch den arbeitenden Kier vor Kameras und Scheinwerfern - und damit wird klar: Es gibt nur den Schein der Wirklichkeit, keine Realität hinter der Fiktion. Wie Alice im Wunderland der Filme arbeitet Heimerdinger an der Verzauberung der Entzauberung des Kinos.

Raum und Zeit sind nicht mehr zu greifen, die "Production Stills" sind zusammengenäht wie die Fotos an den Wänden von Andy Warhols Factory. Plötzlich erinnert man sich, dass Kier einmal mit Warhol gedreht hat. 1973 spielte Kier die Hauptrolle in Warhols Dracula. Und tatsächlich: Die Stills zeigen, dass sich im Hotelzimmer ein Monitor befindet, in dem Warhols Dracula-Film läuft. Während Kier seine Rolle lernt, schaut er sich seinen Film an: "I was Andy Warhols Dracula." Vorher hatte Heimerdinger schon das Gesicht von Rüdiger Vogler bei der Selbstbetrachtung in Wenders "Alice in den Städten" gefilmt. Auch er kann sich der halluzinativen Wirkung nicht verschließen, die er selbst mitproduziert hat. Mit dieser Schwäche des Schauspielers für sein Schauspiel passt Heimerdinger genau den Moment in der Dynamik der Entmystifizierung ab, in dem sich der Schauspieler erneut mystifiziert. Und beantwortet damit indirekt die Frage, warum die Wirklichkeit dem Glamour nichts anhaben kann.

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