Kultur : Mehmet lebt hier nicht mehr

SILVIA HALLENSLEBEN

Als er ganz tief unten angekommen ist in seinem Leben, sprüht sich Mehmet viel helle Farbe in sein schwarzes Haar. Vielleicht läßt ihn das ja westlicher, hellhäutiger erscheinen. Früher einmal ist Mehmet nach Istanbul gekommen aus einem Dorf nicht weit von Izmir in der Westtürkei auf der Suche nach Arbeit. Die hat er gefunden, gar nicht so schlechte. Mit feinen Ohren und einem altmodischen Lauschgerät spürt er Rohrbrüche auf. Auch Berzan ist innertürkischer Arbeitsmigrant, nur aus der anderen Himmelsrichtung. Er betreibt einen kleinen Verkaufskarren mit Musikkassetten. Das Dorf Zorduc, aus dem Berzan stammt, kurz vor der irakischen Grenze, existiert nicht mehr, es wurde vom türkischen Staat in einem Staussee versenkt. Berzan ist Kurde.

Mehmet, der Westtürke, sieht ebenfalls wie ein Kurde aus, selbst nach der Blondierung. Irgendwann werden die beiden Männer Freunde. Irgendwann auch lernt Mehmet ein Mädchen kennen, Arsu, die in einer Reinigung die Hemden fremder Leute faltet. Berzan hat eine Verlobte daheim. Berzan wird gesucht. Doch erstmal kriegt Mehmet Ärger mit der Polizei, weil er mit einer untergeschobenen Tasche in eine Kontrolle gerät und eben so aussieht, wie sich türkische Polizisten einen Terroristen vorstellen. Als man ihn irgendwann - mißhandelt und voller Beulen - wieder freiläßt, lassen ihn Wohngenossen und Chef fallen. Nur Berzan und Arsu nicht. Keine Wohnung, keine Arbeit, ein rotes X als Markierung an der Tür.

"Reise zur Sonne" der türkischen Regisseurin Yesim Ustaoglu erzählt davon, wie schnell einer zum Ausgestoßenen werden kann. Er erzählt von der Freundschaft, die solchem Denken widersteht. Und davon, wie der, der in die Fänge der Macht gerät und unterzugehen droht, erst mit Verzweiflung, dann mit Selbsterniedrigung, dann mit Würde reagiert. Es ist nicht das eigene, es ist das Leiden der anderen, aus dem Mehmet die Würde lernt. Irgendwann, Berzan wurde bei einer Demonstration getötet, wäscht sich Mehmet die ganze Blondierungskacke aus dem Haar, Becken um Becken färbt sich mit den Spuren der abgelegten falschen Identität. Dann macht er sich mit dem toten Freund auf die Reise in dessen Heimat. Noch später - da hat Mehmet längst gesehen, was die türkischen Militärs in den kurdischen Dörfern anrichten - gibt er sich gar als Kurde aus. Die junge Regisseurin dieses zugleich politischen und intimen, wilden und zarten Films erzählt diese Entwicklungsgeschichte ganz schlicht, mit expressionistischen Einschübseln. Manchmal, besonders in der zweiten Hälfte, hat man das Gefühl, daß vielleicht ein bißchen zuviel herumgebastelt wurde, so daß es jetzt ein bißchen holpert und stolpert. Oder kommt das von den nicht gerade kongenial verfaßten Untertiteln? Macht nichts, wir finden uns auch so zurecht, verführt von Jacek Petrycki, der als Kameramann auch schon für Kieslowski gearbeitet hat - hier mit Einblicken ins Istanbuler Straßenleben und Ausblicken in die Weiten Anatoliens.

"Reise zur Sonne" ist auch ein Roadmovie gen Osten. Und es sind - neben den Wasserspiegelungen des Bosporus - die alleröstlichsten, ganz flachen Strahlen der Fast-Dämmerung, es ist solches Sonnenaufgangslicht, das diesen Film durchtränkt. Selbst die Müllhalde, auf der sich Mehmet eine Zeitlang herumtreibt, sieht da blaupoetisch aus. Wir nehmen das gerne hin, schließlich passiert genügend Schreckliches in diesem Film, wobei allerdings die Schönheit des Lichts das Schreckliche nur umso schärfer aufblitzen läßt. Dieser Film ist auch ein gutes Beispiel, daß selbst echter Europudding, hier eine türkisch-niederländisch-deutsche Koproduktion mit einem Dutzend verschiedener Geldgeber und einer bunt gemischten Crew nicht zum paneuropäischen Einheitsbrei werden muß.

Mehrere Preise hat "Reise zur Sonne" bekommen, unter anderem auf der Berlinale, wo er im Wettbewerb lief - just an dem Tag, als der Kurdenführer Öcalan verhaftet wurde. In der Türkei, wo der Film jetzt auf dem Istanbuler Festival mit dem Publikumspreis geehrt wurde, hat "Reise zur Sonne" gerade die Freigabe der Zensurbehörde bekommen. Ein Hoffnungsschimmer.

In Berlin läuft "Reise zur Sonne" in den Kinos Eiszeit und Filmbühne am Steinplatz (jeweils in der untertitelten Originalfassung) sowie in den Hackeschen Höfen

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