Kultur : Mehr Blau!

New York Philharmonic in der Philharmonie

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Es ist ihr Konzert Nummer 15 194, das die New Yorker Philharmoniker nach Berlin führt. 99 davon hat Gustav Mahler dirigiert, dessen 100. Todestag gerade mit großer medialer Ergriffenheit begangen wurde. Die New Yorker widmen sich in der Philharmonie ganz der Musik ihres ehemaligen Chefs, angeführt von Alan Gilbert, seit 2009 Music Director und erster echter New Yorker auf diesem Posten. Auch der meistgebuchte Sänger der weltweiten Mahler-Feierlichkeiten ist mit von der Partie. Thomas Hampson versucht auf seiner Mahler-Wanderschaft Aufklärung zu betreiben, im Wortsinne. Mehr Blau am Firmament, mehr Lebensbejahung, diese Botschaft hat der US-Bariton in jahrzehntelangen Studien aus dem Liedschaffen Mahlers destilliert.

Wie sich das ausgerechnet bei den „Kindertotenliedern“ anhören mag, kann man nur erahnen. Hampson verstellt den Blick auf seine Interpretation mit einer Unzahl an Drückern, Hebern und vokalen Fallrückziehern. Kaum drei Takte, in denen die Stimme einmal schwingen und jene unendliche Schönheit berühren darf, die mehr Tränen löst als alles Forcieren und silbenkauende Dozieren.

So getragen Gilbert und seine Musiker in den Liedern zu Werke gehen, starten sie auch in die fünfte Symphonie. Die Strenge des Trauermarschs weicht in retardierenden Tempi auf, die Balance im Orchesterklang ist heikel. Dem Geigenapparat fehlt individuelles standing, das Blech schmettert expansiv, dazwischen klaffen leere Räume, die die Berliner Kollegen so unwiderstehlich zu ihrer Spielfläche zu machen verstehen. Gilbert bringt sein Orchester im Scherzo auf echte melting- pot-Temperatur, lehnt sich im Adagietto wieder zurück. Erstaunlich gelingt das Finale: Ein technisch einwandfreier Durchbruch, ungehemmt von allem, was bisher geschah. Das ist viel New York – und ein kleines bisschen Mahler. Ulrich Amling

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