Kultur : Mehr davon

KURZFILM-Wettbewerb: Dramen in sechs Minuten

Daniela Sannwald

Der Kurzfilm gilt als Fingerübung vor dem Spielfilmdebüt. Dabei ist es oft viel schwerer, eine Geschichte gerafft und nicht in aller Ausführlichkeit zu erzählen – oder eine für die kurze Form geeignete Geschichte überhaupt erst zu finden. Deshalb wohl hat der Kurzfilm bei der Berlinale in diesem Jahr eine eigene Festivalreihe bekommen und damit auch eine eigene dreiköpfige Jury. Sie hat zehn Filme aus ebenso vielen Ländern zwischen 6 und 15 Minuten Länge gesehen und gibt bereits heute die Preise bekannt.

Das Spektrum reicht von Jugenderinnerungen über Agit-Prop, Gesellschaftskritik und Groteske bis hin zur romantischen Komödie und zum Interviewfilm. Ebenso unterschiedlich sind die ästhetischen Strategien: Puppen- und Computer-Animation, Schwarzweiß und Farbe, Breitwand, Digicam, 16mm-Film, aufwändige und minimalistische Dekors, häufig kein Dialog. Die Vielfalt der Möglichkeiten, die das Medium bietet, scheint den jungen Filmemachern im Kurzfilm-Stadium noch präsent zu sein. Ihre Lust am Experimentieren ist offensichtlich.

Beunruhigend ist ein iranischer Beitrag: Mehdi Jafaris in strengem Schwarzweiß gehaltener Film „A Little Bit Higher“, dessen weiteste Einstellung die amerikanische ist. Der Kamerablick kreist um die Führerhäuschen zweier nebeneinander geparkter LKWs. Gelegentlich gerät eine hohe, mit Stacheldraht bewehrte Mauer ins Blickfeld. Die Fahrer, ein alter und ein junger, unterhalten sich, telefonieren, essen, trinken Tee, während aus dem Off Arbeitsgeräusche zu vernehmen sind. Am Ende offenbart sich der furchtbare Zweck der Kräne, die auf den Ladeflächen der Wagen transportiert wurden.

Klassisch streng und psychedelisch verspielt zugleich kommt der Film des Potsdamer HFF-Studenten Jan Koester daher. „Our Man in Nirvana“ zeigt zunächst einen in kunstvoller Scherenschnitttechnik gefertigten Rockmusiker, der während eines Konzerts zusammenbricht. Seine Seele entweicht und fliegt in ein schreiend buntes Fantasy-Land, wo der nun als Zeichentrickfigur auferstandene Held nach allerlei Abenteuern von einem dicken Nirvana-Wächter geschnappt und vor eine Art Richter gezerrt wird. Der schickt ihn zurück ins Leben. Verdutzt reibt sich der wiedergeborene Scherenschnitt-Mann die Augen .

Der vielleicht schönste Film dieser Reihe, „Never Like the First Time“, kommt aus Schweden. Regisseur Jonas Odell hat vier Interviews bebildert, in denen Menschen unterschiedlichen Alters im Off über ihre erste sexuelle Erfahrung sprechen: ein Partyabenteuer im schicken Plakatgrafikstil, eine verschwommene Erinnerung mit konturierten Figuren vor fotorealistischen Hintergründen, eine Vergewaltigung mit harten Bleistiftschraffuren und eine Zwanziger-Jah re-Romanze mit Schnörkeln und Sepiatönen – jeweils passend zur Geschichte, Stimme und Sprachduktus der Interviewten. Davon hätte man gern ein bisschen mehr gesehen. Was wohl das Beste ist, was man über einen Kurzfilm sagen kann.

Preisverleihung heute, 20 Uhr (Babylon1), Wiederholungen 15.2., 13 Uhr, 19.2., 22 Uhr (jeweils im Cinemaxx 6)

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