Kultur : Mehr Ego!

Zum 200. Geburtstag des Philosophen Max Stirner

Angelika Brauer

Er hat es nur zu einem einzigen Buch gebracht – das aber hallt noch heute, an seinem 200. Geburtstag, nach. Johann Caspar Schmidt, besser bekannt unter dem Pseudonym Max Stirner, 1806 in Bayreuth geboren und fünf Jahrzehnte später in Berlin gestorben, hat mit „Der Einzige und sein Eigentum“ den Klassiker der Egozentrik und ein Hauptwerk der anarchistischen Theorie geschrieben. Ein lautes Buch, voller Rufzeichen und Widerworte. Schon auf der dritten Seite wird die zentrale Botschaft genannt: „Meine Sache“, schreibt Stirner, „ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige. Mir geht nichts über Mich!“

Man zuckt leicht zurück. Aber dann – das hat schon was. Etwas Abstoßend-Anziehendes. Und etwas Befreiendes. Ja, das Eigeninteresse ist der entscheidende Antrieb des Handelns: „Lohnsüchtig ist der Mensch und umsonst tut er nichts.“ Stirner fordert, die Menschen sollten ihren naturgemäßen Egoismus nicht länger ausbeuten lassen – sei es von Gott, der Kirche oder vom Staat. Sie sollten sich dazu bekennen, ihn offen auszuleben. Aber das ist nur der Auftakt. Hinter seinem Appell „Suchet Euch Selbst, werdet Egoisten“, steht die Erwartung, dass der Übergang ins Reich vollkommener Selbstbestimmung auch das Blatt der Geschichte wendet: Der Ära der „Aufopferungen“ werde eine des Genusses folgen.

Mehr Freiheit war nie als die der „Selbstbefreiung“ zum Egoismus. Und noch nie wurde mit dieser Zumutung so viel Zutrauen verbunden: „Der Eigner“, Stirners Idealtyp des autonomen Egoisten, braucht keinen Halt durch Regeln, Gebote, Normen. Ihm geht nichts über sich. Er wird seiner „Naturstimme“ folgen – und doch wissen, was zu tun oder zu lassen ist? Vor allem weiß er, was er will. Und wann und mit wem er sich solidarisch verbündet, falls das eigene Interesse zufällig auch das der anderen ist.

Dass sein „Verein der Egoisten“ als Alternative zum Staat dürftig ist, haben Stirners Zeitgenossen kritisch erkannt. Er selbst hat sich nur flau verteidigt. Aber seine Begründung, warum das Zusammenleben der „Eigner“ nicht die Hölle, sondern ein schöner Traum der Menschen ist, können wir brauchen: Stirners Vertrauen auf die „Naturstimme“, die den Weg des Guten und Rechten zeigt, setzt voraus, dass diese von kleinauf kultiviert wird.

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