Kultur : Mehr Harn als Hirn

RUTH FÜHNER

Am Anfang steht eine hinreißend verklemmte Liebesszene.Hans und Ewald, beide Physiker, haben sich gerade erst kennengelernt.Beide sind schon älter, aber im entscheidenden Moment in Ewalds ödem Hotelzimmer sind sie nicht routinierter als zwei Teenager.Hände streicheln unbeholfen ein Gesicht, tatschen ungelenk in tiefere Regionen - und dann beginnt die Klamotte und findet kein Ende mehr.Hans hat Probleme mit der Harnsäure und mit dem Blutdruck - hundertneunzig zu hundertzehn - nein, Sex will er das nicht nennen, was er da mit Ewald gehabt hat, der ihn ohnehin ständig Horst nennt.Außerdem muß Hans am nächsten Tag einen Vortrag darüber halten, ob es einen Zeitpfeil gibt, und wenn ja, in welche Richtung er zeigt.Worüber er völlig vergessen hat, seine Mutter zu beerdigen, die vor drei Tagen gestorben ist.Aus unerfindlichem Grund schlägt Ewald vor, die Tote in seinem Hotelzimmer aufzubahren.

Im weiteren Verlauf des Stückes treten auf: drei Untote aus dem absurden Theater, nämlich die Brüder von Hans, die ebenfalls Hans heißen; ein perfekt deutsch sprechender ("stricken stricken röppel röppel laßt uns lieber ficken") Papagei sowie vier Entlaufene aus der eigentlich längst geschlossenen Abteilung "Zeig mir das nächste Tabu, damit ich es brechen kann".Sie alle leiden an ausführlich geschilderten Problemen des Verdauungstraktes: ein Beerdigungsunternehmer namens Schmelzinger mit überempfindlicher Mundhaut, die an Alzheimer erkrankte Hans-Tante Rita, die fröhlich krähend von ihrer halbvollen Hose kündet, der Pfarrer, der von einer falsch eingebauten Flugzeugtoilette verschlungen wird, und der Hausmeister, der eigentlich Musik- (sprich natürlich: Theater-)Kritiker ist und sich nicht zu lachen traut, weil er das Wasser nicht halten kann.Am Schluß bringt die Tote gemeinerweise ihren Lieblingssohn um die Lösung seines physikalischen Problems; er ist schon längst abgegangen, da erhebt sie sich von ihrer Totenbahre, splitternackt und jung wie die schaumgeborene Venus - womit wohl bewiesen sein soll, daß es keinen Zeitpfeil, sondern bloß ein Kontinuum gibt.

Das erste Stück des Frankfurter Schauspielers Friedrich-Karl Praetorius (der, weniger nölend als gewöhnlich, selbst den Ewald spielt) ist eine verschwitzte Fleißarbeit, die sich als lustiger Angriff auf den guten Geschmack tarnt.Physik und Physis, Wissenschaft und Verwesung gehen darin eine unlösliche Verbindung ein, die gewitzt ist und albern zugleich.Albern, sagt der Hausmeister, der eigentlich Musikkritiker ist, werde ein Stück, wenn ihm der "moment of truth" fehle.Praetorius jedenfalls hat an diesem "Augenblick der Wahrheit" vorbeigeschrieben.Und Peter Palitzsch kann ihn, als Regisseur der Frankfurter Uraufführung, auch nicht herbeizaubern.Der wunderbar verklemmte Anfang hat ein bißchen davon, und die Szene, in der auf Tante Ritas vergessenheitsblankem Gesicht wie im Greinen eines kleinen Kindes eine Ahnung von Schmerz aufleuchtet.Viel öfter aber laufen die Schauspieler den Disziplinierungsversuchen der Regie davon - an die Rampe, wo sie sich ihre Lacher aus dem Publikum förmlich abholen.Er habe sich dann doch gefreut, das Stück gemacht zu haben, sagte Palitzsch in einem Interview während der Endphase der Proben.Ein Satz, der von einem besseren Wissen zeugt, dem er sich hätte beugen sollen.

Schauspiel Frankfurt, weitere Aufführungen am 2., 9., 19.und 26.Juni.

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