Kultur : Mehr Jungfrau, bitte

VOLKER STRAEBEL

Oft tut man der Kunst unrecht, wenn man sie an seinen Erwartungen mißt. Mimetisch sollte man sich dem Gebotenen annähern, ohne jeden Vorbehalt, und erst in der Rückschau und nach Kenntnis des Ganzen eine kritische Distanz entwickeln. Von den "Maulwerkern", dem von Dieter Schnebel gegründeten Ensemble für Stimm- und Sprachperformances, ist man rein abstraktes, bis in die szenische Aktion hinein musikalisch empfundenes Theater gewohnt. Nun hat jedoch die Maulwerkerin Barbara Thun ihren Kollegen ein rund einstündiges Stück geschrieben, dessen Titel "DklM5+1" nur feigenblattartig den Bezug zu Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau" verbirgt. Doch diese Erzählung bedient sich der Mittel der Musikperformance. Gesprochene Dialoge bleiben die Ausnahme. Da zelebriert der Hofstaat seine Langeweile in genau choreographierten Wippbewegungen, in rhythmisiertem Zischen, das mit dem musikalischen Fegen der Putzdame kontrastiert. Da verschmelzen im Fest zur Rettung des Prinzen im Tanz Bewegung und körperliche Klangerzeugung.Konzentrieren sich üblicherweise "Maulwerker" wie Publikum allein auf solcherlei musikalische Aktionen, so fordert in Thuns "DklM5+1" auch die semantische Ebene ihren Tribut. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich hin zur Erzählung, die zyklisch angelegte narrative Struktur und Mehrfachbesetzungen der Figuren wollen dechiffriert sein. Natürlich entzückt Ariane Jeßulat als Meerjungfrau mit ihrer Eingangsvocalise, wenn sie hinter den Trauerweiden hervortritt und sich in den Laderaum des Kunstschiffes Anna herabläßt, ebenso wie im Duett mit ihrem Double Katarina Rasinski, und Christian Kesten plaudert virtuos in Phantasiesprachen daher. Doch Spannung und Konzentration wollen nicht recht aufkommen, es mangelt an szenischer Stringenz.Im folgenden "Usínání" des Tschechen Peter Graham legen sich die Maulwerker auf den Boden und summen "Das Einschlafen" als "Musik in der Dämmerung" am Spreeufer. Die sechs unabhängigen Stimmen bildeten in der Uraufführung des bereits 1976 komponierten, 10minütigen Werkes wechselnde Mixturklänge, die schließlich in einem komponierten Decrescendo ruhig verebbten.

Noch heute um 16 und 20 Uhr auf dem Kunstschiff Anna an der Fischerinsel in Mitte.

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