Kultur : Mehr Klarblick in kriegerischen Zeiten

György Konrád ist gegen den Krieg, insbesondere gegen die Schreibtischkrieger, die das Bombardement Jugoslawiens gutheißen."Wie kommt es dazu, daß nette, kluge Leute plötzlich den größten Blödsinn von sich geben?", fragte er am Sonnabend in seiner Treppenrede zur Langen Nacht der Akademie der Künste, die die Frühjahrs-Mitgliederversammlung begleitete.Konrád erntete zustimmendes Gelächter beim Publikum, als er die männlichen Exemplare unter den Meinungsmachern zur literarischen Selbstprüfung aufforderte: "Bei der morgendlichen Rasur sollten wir im Spiegel sorgfältig prüfen, ob nicht gar in den eigenen Gesichtszügen so eine Art Ionescoscher Nashornvisage allmählich durchdringt."

Der Appell des Akademiepräsidenten, dumme Politiker einer geistigen Aufsicht zu unterstellen, fand indes keinen Eingang in die Anti-Kriegs-Resolution, die von der Mitgliederversammlung der AdK bei vier Gegenstimmen und fünf Enthaltungen verabschiedet wurde.In dem kurzen Text heißt es schiedlich, "die Einstellung der serbischen Aggression und das Ende der Nato-Bombardierung zur gleichen Zeit" sichere "jenseits des tödlichen Siegeswillens eine Zukunft des Lebens für den Balkan".Peter Härtling, der dem Papier zustimmte, sagte dieser Zeitung, ein Meinungsstreit der Mitglieder sei ausgeblieben.Er habe nicht erwartet, daß eine Resolution derart einhellig angenommen würde.

Härtling und Christa Wolf unterstrichen in ihren Gratulationsreden zum 60.Geburtstag Volker Brauns, was György Konrád zuvor den "Klarblick" des Künstlers genannt hatte.Christa Wolf erinnerte an das sprachliche Vermögen des Jubilars, "die Menschheit in ihrem fantastischen Zwiespalt" zu zeigen.Péter Esterházy, der aus seinem "Ungarischen Tagebuch" vortrug, brachte schließlich das Unbehagen an großen kämpferischen Worten auf den Begriff.Wer noch einmal von Europa rede, sei mit Bußgeld in harter Westwährung zu belegen. OLIVER SCHMOLKE



Am Mittag hatte die Aufmerksamkeit der Akademiemitglieder ihrem Neubau am Pariser Platz gegolten.Bei einem Empfang in den ruinösen Räumen des Altbaus gab ein gutgelaunter Eberhard Diepgen den "vorgezogenen Startschuß" für den geplanten und mit 80 Millionen Mark veranschlagten Neubau.Der Regierende Bürgermeister streifte nur die zurückliegende Kontroverse um das gläserne Erscheinungsbild des neuen Hauses nach dem Entwurf von Altmeister Günter Behnisch.Innerhalb von zwei Jahren soll der Bau fertiggestellt sein. BS

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