Mehr LICHT! (4) : Kunst der Röhre

von

Zwischen den Feiertagen wird die dunkle Jahreszeit immerhin von allerlei Lichtern erhellt – von den Baumkerzen bis zum Silvesterfeuerwerk. In unserer kleinen Serie erforschen wir leuchtende Beispiele.

Was wäre eine Kunstausstellung ohne Licht? Nichts, zumindest in geschlossenen Räumen. Die Inszenierung einzelner Werke mit Spots, die Einrichtung eines ganzen Saals mit Deckenstrahlern gehört zu den eher verborgenen Fertigkeiten des Kunstbetriebs. Ohne sie geht es kaum, doch wissen muss der Besucher davon nichts. Insofern besaß Dan Flavins kühne Präsentation des reinen Lichts als Kunst anarchische Qualität.

Die Neonröhre als künstlerisches Material, ein handwerkliches Produkt als Ausdruck von Geistesblitz – das galt Anfang der sechziger Jahre als Provokation. Inzwischen ist der amerikanische Minimalist längst zum Klassiker geworden, dessen lichte Arrangements nicht nur in Innenräumen erhellend wirken, sondern auch äußerlich zur Markierung von Museen dienen. Das schönste Beispiel befindet sich gleich in Berlin selbst: Der nächtliche Hamburger Bahnhof erstrahlt seit seiner Eröffnung vor bald zwanzig Jahren in blau-grünem Licht, das Flavin 1996 kurz vor seinem frühen Tod für die Front des Gebäudes komponierte.

Damit kehrt der überirdische Schein der Neonröhren dorthin zurück, woher er einstmals kam: von der Hausfassade. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die beiden britischen Chemiker William Ramsay und Morris Travers in London ein Gas entdeckt, das, in längliche Glasbehälter gefüllt und elektrisch aufgeladen, zu jenem verheißungsvollen Flackern führt, das traditionell für die Versprechen der Großstadt steht. New York, Las Vegas, Paris, London, Berlin beziehen ihr Flair aus dem nächtlichen Betrieb, der bunt strahlenden Werbung im Dunkel einer Straße. Heute leuchten meist andere Stoffe. Schon wenige Jahrzehnte nach ihrer Erfindung galt die Neon-Technik als veraltet. In Filmen, auf Fotografien und Gemälden findet sie sich konserviert.

Für „Neon“-Künstler wie Dan Flavin, Bruce Nauman oder Mario Merz oder vielmehr die Restauratoren ihres Werks ist das ein Problem, denn die Röhren lassen sich nicht ohne Weiteres ersetzen, teilweise werden sie nicht mehr produziert, weil bestimmte Farbstoffe giftige Pigmente besitzen. Prompt leuchtete bei Dan Flavins großer Retrospektive im Wiener Museum für Moderne Kunst im vergangenen Jahr längst nicht mehr alles im Original. Der Künstler selbst nahm es ohnehin locker: „Meine ,Denkmäler‘ verlöschen, wenn ihre Lampen den Geist aufgeben – nach etwa 2100 Stunden“, erklärte er. In den Depots der Museen und privaten Sammler lagern deshalb Neonröhren als Ersatz. Die Kunst der Ökonomie: Am längsten hält sich ein Neonlicht-Werk, wenn es abgeschaltet bleibt.

Bisher erschienen: das Irrlicht (27. 12.), das Feuerzeug (28. 12.), der Leuchtturm (29. 12.)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben