Kultur : Mehr Licht, mehr Sicht

ANNETTE WALZ

Nichts brennt, schreit, versetzt in Aufregung.Auffälligkeiten, wie sie etwa der dekonstruktivistische Baustil mit sich bringt, sind in der modernen tschechischen Architektur nicht angesagt, vermutlich gar nicht aufzufinden.Zumindest weist das, was mit dem "Grand Prix der tschechischen Architektur" im vergangenen Jahr ausgezeichnet wurde - nicht darauf hin.

Die Preisträger und Favoriten von 1998, die derzeit im Berliner Tschechischen Zentrum zu sehen sind, fallen auf durch Zurückhaltung.Die internationale Jury, die sich aus Architektursachverständigen aus Wien, Barcelona, Aachen, Bratislava und Prag zusammensetzte, schien gerade dies honorieren zu wollen.Sie gaben den "Grand Prix 1998" (berücksichtigt wurden Projekte, die im Vorjahr fertiggestellt wurden) und gleichzeitig den ersten Hauptpreis in der Kategorie "Neubau" den Architekten Ladislav Lßbus, Lenka Dvorßkovß und Zden"ek Herman, die ein Pflegediensthaus in "Cesk¿y Krumlov realisierten."An diesem Bau ist wichtig, daß er nicht Architektur um der Architektur willen ist, sondern Architektur, die dem Menschen dienen soll", heißt es in der Begründung: "Durch seine selbstverständliche Schlichtheit hat er (der Bau) zeitlosen Wert." Sorgsam eingebettet zwischen dem vorhandenen Baumbestand auf einer Anhöhe oberhalb der historischen Altstadt von "Cesk¿y Krumlov, nehmen sich die vier dreistöckigen Gebäude, von denen drei durch Brücken verbunden sind, schon farblich zurück: blaßgelber Verputz auf der stadtzugewandten Seite, wo sich auch die Zimmer der alten Leute befinden, auf der Seite der Flure eine mit hellem Holz untergliederte Glasfront.

Auch das Pantomimetheater "Alfred im Hof" in Prag - der zweite Hauptpreis in der Kategorie "Neubau", geplant von den Architekten Jindrich Smetana und Tomßs Kulik - paßt sicht trotz des ungewöhnlichen Entwurfs dem baulichen Umfeld an.Es steht in einem Innenhof, umgeben von Mietshäusern der zwanziger Jahre, und besteht aus fünf Bausegmenten, die an der Größe nach angeordnete Schuhkartons erinnern.Grüne Glasrahmen verbinden die einzelnen Quader mit dem nächstgrößeren.Durch die erdfarbene Außenhülle schließt sich das Theater wie ein geometrischer Wurmfortsatz an die zum großen Teil nicht renovierten Häuserfassaden an.

Wenn auch der Wettbewerb ausdrücklich nicht-tschechischen Architekten offensteht, finden sich in der Preisträger- und Favoritenliste ausschließlich tschechische Namen.So auch in den Kategorien "Sanierung", "Interieur" und "Architekturdesign und kleine architektonische Objekte".Auch da setzt sich das Motto "Weniger ist mehr" fort.Sanierungsprojekte, die von der Jury prämiert wurden oder zu den Favoriten zählten, waren zudem ausschließlich Gebäude, die zuvor schon einfach und schlicht in ihrer Form und Funktion waren - sei es die Krankenversicherungsanstalt des tschechischen Innenministeriums in Brünn (1934 erbaut) oder das Versicherungsgebäude in Liberec aus den Jahren 1976/83.Moderne technische Elemente fanden da Beifall, wo sie sich in die alte Struktur einfügen, ohne sich hervorzutun.Honorierte Inneneinrichtungen wirken eher durch funktionale Ideen und sorgfältig ausgesuchte Materialien, die in Kombination mit Licht Räume größer erscheinen lassen, als durch optische Signale, die die Augen auf sich lenken wollen.

Das Laute ist nicht die Sache der tschechischen Architektur, auch nicht nach den politischen Veränderungen seit 1989.Übrigens auch dann nicht, wenn sich die Architektur einem Heiligen widmet: Die Grabstätte des Heiligen Wenzel im Prager Veitsdom tut sich von weitem nur durch eine rechteckige Erhebung des Bodens hervor - ohne Unterbrechung der lasierten Steinfußbodenplatten wirkt sie wie eine optische Täuschung.Erst beim näheren Betrachten ist die Grabplatte zu sehen, in die ein goldenes Zepter eingelassen ist, und in der sich, wenn die Sonne scheint, die Buntglasfenster des Kirchenschiffes spiegeln.

Tschechisches Zentrum, Leipziger Straße 60, Eingang Jerusalemer Straße, bis 30.April, Montag bis Freitag 13-18 Uhr.

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