Mehr Luft : Eine Diskussion über Berlins historischer Mitte

Berlins Senatsbaudirektorin Lüscher würde am liebsten alles so belassen, wie es ist. Und hat sich jetzt Schützenhilfe geholt und mit der Akademie der Künste am Pariser Platz eine Gesprächsrunde unter dem Motto „Welche Mitte?“ veranstaltet.

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Wo andere Städte ein Zentrum als historisches und emotionales Herz haben, da hat Berlin – den Fernsehturm. Und weil der ein entsprechendes Vorfeld braucht, erstreckt sich heute ein gähnendes Loch an jenem Ort, der einmal die Berliner Altstadt war. Das weiß jeder, und doch weiß niemand, wie man mit dem Loch umgehen soll. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher würde am liebsten alles so belassen, wie es ist. Und hat sich jetzt Schützenhilfe geholt und mit der Akademie der Künste am Pariser Platz eine Gesprächsrunde unter dem Motto „Welche Mitte?“ veranstaltet. Dort formulierte sie ihr Credo: Städtebau heißt an diesem Ort für sie, nichts zu bauen, Demut zu zeigen, abzuwarten und die Schönheit und Weite des Himmels zu genießen. Von „Schwebezuständen“ spricht sie, von dem „Schatz des Fernsehturms“ und davon, dass sie nicht versteht, warum das nicht allen klar ist.

Die Berliner Geografin Ilse Helbrecht sieht in dem Wunsch, zu gestalten, einen „männlichen Habitus“ und löst den Begriff der „Mitte“ mit der Behauptung auf, Mitte könne heute überall sein, in Adlershof oder am neuen Flughafen BBI, und städtischer Charakter sei nicht nur in der Stadt zu finden (war sie schon mal in einem brandenburgischen Dorf?). Ins gleiche Horn stößt die Stadtplanerin Christiane Thalgott aus München. Eine Mitte könne wandern, sagt sie, das sei mit dem Hamburger Rathaus nach dem Brand von 1842 passiert, und warum solle nicht das Tempelhofer Feld die neue Mitte werden? Der Schriftsteller Ingo Schulze, einziger Mann der Runde, schießt sich in polemischem Furor auf das Schloss ein, das nicht neu gebaut werden dürfe, weil das Deutsche Reich die Herero verfolgte und im ersten Weltkrieg Giftgas einsetzte.

Mitte im Wandel
Durchblick. Die Häuserreste an der Bernauer Straße dienten der DDR als Vormauer. Die eigentliche Mauer entstand einige Meter dahinter. Thomas Graminsky machte diese Aufnahme in den 80er Jahren. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos aus Berlins Mitte im Wandel der Zeit an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 144Foto: Thomas Graminsky
19.05.2017 13:38Durchblick. Die Häuserreste an der Bernauer Straße dienten der DDR als Vormauer. Die eigentliche Mauer entstand einige Meter...

Was folgt, ist die Farce einer intellektuellen Diskussion, bei der sich die Teilnehmer gegenseitig auf die Schulter klopfen und Moderatorin Annette Ramelsberger von der „Süddeutschen Zeitung“ kritische Fragen simuliert, die eigentlich nur Aufforderungen für die Angesprochenen sind, noch einmal das Lob der Leere zu singen. An einem Ort wie der Akademie hätte man so etwas nicht erwartet. Diskutanten, die gegensätzliche Meinungen vertreten, wurden nicht eingeladen. Lüschers Vorgänger Hans Stimmann, der eine am historischen Vorbild orientierte Bebauung angeregt hat, war immerhin erschienen und meinte: „Warten? Wir warten seit 1989, dass hier etwas geschieht.“ Udo Badelt

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