Kultur : Mehr Marketing!

„Eurovisionen“: eine Konferenz in Berlin und das kulturelle Netzwerk

Nikola Richter

Als der ungarische Regisseur István Szabó einmal gefragt wurde, was für ihn die europäische Kultur ausmache, antwortete er: „Kaffeehäuser – und dass ein Herr einer Dame niemals eine gerade Anzahl Blumen schenkt.“ Nicht jeder kann eine so eindeutige Definition geben. Gibt es eine einheitliche europäische Kultur? Welche Rolle spielt die Politik, welche die Zivilgesellschaft? Die Konferenz „Eurovisionen – Vom kulturellen Netzwerk zur Politik“ suchte nach Strategien für eine bürgernahe Kulturpolitik. Über 500 Teilnehmer aus 25 Ländern diskutierten im Berliner Kronprinzenpalais.

Europäische Kulturpolitik sollte Ordnungspolitik und nicht bevormundende Förderpolitik sein, so Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Damit ein „Europa von unten“ entstehen könne, müssten sich Institutionen und private Gruppen stärker solidarisieren. Grundlage dafür sei die Entwicklung einer gemeinsamen kulturellen Identität, betonte Andreas Schlüter, Generalsekretär des Goethe-Instituts. Der polnische Essayist Adam Krzeminski erinnerte daran, wie vor 1989 Kultur als Bindeglied über die Grenzen hinweg gedient habe. Heute pflege jeder Staat seine eigenen Nationalkultur: In Deutschland etwa gäbe es eine „historische Nabelschau“ um Flucht und Vertreibung. Konkrete Gegenvorschläge: die Etablierung von mehr nationalen Medien nach dem Vorbild von „Arte“, ein verstärkter Schüleraustausch und eine „kulturelle Öffentlichkeit“. Dann könne Europa wieder eine „Kulturmacht“ werden.

Der slowakische Autor Michal Hvorecký warnte zudem vor der zunehmenden Verquickung von Medien und Politik. Er schlug als kulturelle Gegenstrategie die „Partisanen-Semiologie“ Umberto Ecos vor: Die Kultur solle sich eigene Grundlagen schaffen, um die herrschende Ordnung durcheinander zu bringen und neu zu kodieren. Schon das totalitäre, sozialistische System, so der 28-Jährige, sei von innen heraus zerstört worden: 1989 richteten Japaner dem tschechoslowakischen „Bürgerlichen Forum“ um Vaclav Havel einen ersten Internetzugang ein.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss ergänzte diesen modernen Blick um die Forderung nach einem anderen Marketing für Europa. Die Erweiterung sei eine „einmalige historische Chance“. Und vielleicht wirkt sie sogar wie die von Krzeminski gewünschte „Schocktherapie“. Von Blumensträußen erst mal keine Spur.

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