Kultur : Mehr Panik auf der Titanic!

Eine

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von Marius Meller

Ein Amerikakenner, soeben wieder aus den Staaten zurückgekehrt, erzählte von einer interessanten Beobachtung: In den Kaufhäusern, den shopping malls und in öffentlichen Gebäuden seien in den letzten Jahren jene Warnschilder ausgetauscht worden, die im Notfall – wenn Feuer oder sonstiges Unheil ausbricht – synchron mit einem Sirenensignal zu blinken beginnen. Früher las man auf diesen Leuchttafeln die beruhigende Ermahnung „DON’T PANIC!“. Im Katastrophenfall gilt es ja, einen möglichst geordneten, möglichst vernünftigen Zustand aufrecht zu erhalten, um die zügige Evakuierung zu garantieren. „Keine Panik“ muss die Maxime eines jeden Riskomanagements sein.

Nun machte man in den USA die Erfahrung, dass der durchschnittliche Bewohner unserer westlichen, medialisierten Welt nicht mehr das nötige Realitätsbewusstsein hat, um in einer Ausnahmesituation überhaupt noch zu reagieren. Der urzeitliche Fluchtreflex – Mammut, Steinschlag oder Waldbrand lassen einen die Beine in die Hand nehmen – hat sich evolutionär verflüchtigt. Der heutige Mensch lebt in einer virtuellen Welt, in der die Konfrontation mit einer Bedrohung keine Angstreaktion mehr hervorruft, sondern die Frage, wo sich die versteckte Kamera befindet. Bei starker Rauchentwicklung ruft ein CyberBürger – und das sind wir heute alle – nicht nach der Feuerwehr, sondern nach dem Aufnahmeleiter.

So blinken die inzwischen ausgetauschten Warnschilder heute im Ernstfall mit dem Schriftzug „PANIC!“ – fordern also ganz im Gegensatz zu den alten Alarmvorrichtungen zur Panikattacke auf. Heute gilt: besser ein kollektives, panikmäßiges Ausrasten als ein lethargisches Verharren im Bewusstseinskokon der medialen Erfahrungen, dessen typische Geste der prüfende Griff ans Haupthaar ist – sitzt die Frisur auch, wenn ich gleich ins Fernsehen komme?

So ist zwar verständlich, dass der Philosoph Jean Baudrillard nach dem 11. September 2001 vom „Einbruch der Wirklichkeit in die Welt der Simulationen“ sprach. Aber möglicherweise ist es ein Irrtum, an der neuen Alarmbeschriftung in den USA ein Symptom der westlichen Dekadenz abzulesen. Schließlich sind schwindende natürliche Reflexe ein sicheres Zeichen der menschlichen Fortentwicklung.

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