Kultur : Mehr schwarz als grün

Der Markt wird’s schon richten: Der Frankfurter Kongress „Kulturzone“ als Forum der Neocons

Stefan Müller

Sarah studiert Jura und Kunstgeschichte, an der Uni Köln hat sie den Flyer zur „Kulturzone 06“ gesehen und ist extra für einen Tag aufs Frankfurter Messegelände gekommen. Leider hat sie die Diskussionsrunde mit der von ihr geschätzten New Yorker Künstlerin Sarah Morris verpasst, aber schon wegen des eloquenten Moderators Gert Scobel hat sich die Reise gelohnt. „Fünf Tage, fünf Themen“, verhieß der interdisziplinäre Kongress tiefstapelnd. Tapfer hielt sie bis zum letzten Tag aus – und kompilierte sich aus der Vielzahl der Impulse ihr Menü: Culture-Sampling also.

Sarah passt zur Zielgruppe, die der Direktor der Frankfurter Kunsthalle Schirn, Max Hollein, wahrscheinlich vor Augen hatte, als er der Messe den Großkongress auch zwecks Finanzierung schmackhaft machte. Nur waren nicht allzu viele Sarahs erschienen – trotz popkultureller Nebenprogramme wie Culture-Club (mit DJs), Kinderakademie und Filmlounge (mit Kunstpornos). Lag’s an der Schwellenangst vor den Messehallen? Oder am arg eurozentristischen und neokonservativen Programm?

Symptomatisch dafür: Der Kongress fiel zusammen mit einer Zäsur in der Frankfurter Kulturpolitik. Just am zweiten Tag endete die Ära jener sozialdemokratischen Kulturdezernenten, die mit Hilmar Hoffmann ihre Glanzzeit in den siebziger Jahren erlebt hatte. Der neue Kulturdezernent Felix Semmelroth wurde von einer Koalition aus CDU und Grünen ins Amt gewählt. Beim Kongress wurde er nicht gesichtet – womöglich gab es Wichtigeres zu tun für den Mann, der letztes Jahr von der SPD zur CDU übergewechselt war.

Immerhin, Starreferenten wie der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht (Universität Stanford), der Poptheoretiker Greil Marcus („Lipstick Traces“) oder der Pop-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre hackten auffällig auf sozialdemokratisch geprägter Kulturförderung herum. Gumbrecht kritisierte das allzu „sozialdemokratische Europa“, dessen Gerechtigkeitskultur er durch US-amerikanische Erfolgsmodelle ersetzt sehen will. Seine Rede über „Elite-Tabus in Europa“ hätte auch auf eine Veranstaltung der neokonservativen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ gepasst. Greil Marcus schlug im 3sat-Interview in die gleiche Kerbe und sprach sich gegen kulturelle Förderung junger Künstler aus – diese machten sie so bloß durch den Staat korrumpierbar. Stuckrad-Barres Beitrag tönte nur mehr peinlich überheblich: Der freie Markt werde es schon richten. Ein Aufenthalt etwa im Kairoer Goethe-Institut sei für einen Künstler nur subventionierter Urlaub. Diese Steilvorlage nutzte Diskussionsleiter Ulf Poschardt zu einem weiteren neoliberalen Plädoyer gegen das „Zementieren von Sozialstandards“ in Deutschland. „Prekarität“ oder „Generation Praktikum“, um nur zwei aktuelle Schlagworte zu nennen, waren kein Thema bei den erfolgsversessenen Kongressmachern. Da sehnt man sich denn doch nach ein paar Attac-Aktivisten, die die Veranstaltung an dieser Stelle ordentlich aufgemischt hätten.

Dafür wirkte manches so, als hätte das ganze kulturwissenschaftliche Seminar der Berliner Humboldt-Uni seinen Betriebsausflug ins Hessische verlegt. Zunächst erinnerte der Kulturhistoriker Thomas Macho an die naive Begeisterung für Atomenergie in den fünfziger Jahren. Damals feierte man die Einweihung des „Atom-Eis“ in München mit Weißwürsten als stilisierten „Uranbrennstäben“ – eine nur beschränkt komische Reminiszenz, wenn man sich die zeitliche Nähe zu Hiroshima vor Augen führt. Hartmut Böhme (ebenfalls Humboldt-Universität) widmete sich dem Verhältnis von Religion und Moderne – unter besonderer Berücksichtigung der sommerlichen WM-Euphorie. Er sah „spielende Götter, die den Rasen küssen, und fromme Fans in den neuen Kathedralen des Fußballkultes“. Und fand zu der bahnbrechenden These, dass das Bedürfnis nach Sicherheit, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und der Wunsch nach positiver Zukunft nicht mehr von Religionen bedient wird, sondern „von Sport und Pop-Events“. In Sachen Pop machten sich Mark Butler (Berlin) und Adé Bantu („Brothers Keepers“) erkenntnistheoretisch verdient, indem sie Tendenzen der Hip-Hop-Kultur aufgriffen. Butler beobachtete eine tiefe Spiritualität in den „Krump“-Tänzen der Jugendlichen aus den Problemvierteln von South-Central L. A., die mit den Trance-Ritualen aus Afrika verwandt seien. Und Bantu sagte im Zusammenhang mit der globalen Entwicklung des Rap einen Satz, den man auch gegen die ganze Veranstaltung wenden könnte: „Es gibt einen Underground, der vom Mainstream nicht wahrgenommen wird“.

Ein Parforceritt durch die Disziplinen also; Mosaiksteinchen und kein bündiges Gesamtbild. Auch die drei meistzitierten alten Kämpen der Philosophie – Walter Benjamin, Max Weber und Niklas Luhmann – deuteten darauf hin, dass die „Kulturzone“ denn doch akademischer daherkam als ursprünglich intendiert. Studentin Sarah hat damit kein Problem. Sie kann ihre Culture-Samples jetzt entspannt in der Bibliothek vertiefen.

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