Kultur : Mehr Sonne!

Das Licht des Mittelmeers und der Geist des Ornaments: eine beglückende Matisse-Retrospektive in Düsseldorf

Christina Tilmann

Der Hunger ist groß, nach Licht, nach Farbe. Nach dem ewigen Blau des Mittelmeers, dem Sonnenlicht, das durch Fensterläden dringt, nach träumenden, lesenden, ruhenden Frauen in bunt gemusterten Kleidern. Die ganze Kraft südfranzösischer Sommer-Leichtigkeit dringt mit diesen Bildern in unsere düstere Vorweihnachtszeit, und das Publikum registriert’s mit Dankbarkeit: 80 000 Besucher strömten seit der Eröffnung im November in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, die mit rund 200 Werken die seit 25 Jahren umfangreichste und prächtigste deutsche Matisse-Retrospektive präsentiert.

Fast parallel dazu zeigte das Louisiana Museum in Kopenhagen das Spätwerk des französischen Malers. Eben diesem Spätwerk, speziell den Scherenschnitten, war vor zwei Jahren außerdem eine bemerkenswerte Ausstellung in der Berliner Sammlung Berggruen sowie der Schirn in Frankfurt am Main gewidmet. Dmit nicht genug: Matisse und Picasso, Matisse und seine Textilarbeiten, seine Farben, sein Licht: Von Paris bis New York ist Matisse einer der Renner im zeitgenössischen Ausstellungszirkus.

Späte Anerkennung eines lange Zeit als dekorativ verkannten und gegen das Malergenie Picasso abgewerteten Künstlers? Oder handelt es sich um eine neue Sehnsucht nach Anmut und Harmonie? Der Vorwurf des Dekorativen, naheliegend angesichts der freihändig schwingenden Formen, der lichten Farben, der überquellenden Ornamentik liegt auch in Düsseldorf nahe – und wird sofort widerlegt. Sicher, die Themen, die sich durch das Werk ziehen, sind begrenzt: Frauen, als Akte, Odalisken, Lesende, Träumende, dazu Ausblicke von Balkonen, durch Fenster, aufs Meer, Stillleben mit Spiegel und Früchten. Doch die klug argumentierende Ausstellung macht schon nach wenigen Räumen klar, dass die Thematik das eine, aber dessen Umsetzung das Wesentliche ist. Denn was bei Matisse in seltener Konsequenz vom Frühwerk bis ins Spätwerk, geschieht, ist die Auflösung der Motive gegenüber dem freien Spiel der Formen auf der Fläche.

Fast übermächtig drängt sich das Ornament, das wilde Muster der Tapeten, chinesischen Wandschirme, Morgenmäntel und Teppiche in den Vordergrund. Die Modelle, hingestreckt auf Diwans, Ottomanen und Polsterbetten, werden, obgleich deutlich identifizierbar, zu Ausstellungstücken im Raum. Den Fauteuils, Vasen, Blumen und Kunstwerken, mit denen Matisse seine Bilder möbliert, sind sie ebenbürtig. Nicht Illusion und realistisches Abbild, sondern eine konsequent zweidimensional verstandene Gliederung der Bildfläche ist das Ergebnis: eine Gleichwertigkeit aller Objekte, ein Triumph von Farbe und Form .

Der Wiedererkennungswert ist hoch: Immer wieder greift der Maler auf die gleichen Möbel, die gleichen Motive zurück. Eine kleine, begleitende Fotoschau mit Atelierbildern und Malerporträts gewährt Einblick in diese Welt. Da sind der Farn, der chinesische Paravent, die bunt gemusterte Tapete und die Skulptur des „Liegenden Akts“, die man aus Matisses Bildern kennt. Denn immer wieder zitiert der Maler sich selbst, oft genug kann man in Düsseldorf die direkte Gegenüberstellung erleben: Bilder, die in anderen Bildern wieder auftauchen, wie der „Knieende Akt“ oder ein Blumenstillleben, Skulpturen, die der Maler unentwegt zitiert, oder, im späten Hauptwerk „Intérieur rouge, nature morte sur table bleue“ von 1947, ein Medaillon der Jugendgeliebten Caroline Joblaud. Das Medaillon von 1894 haben die Kuratoren in einer Privatsammlung gefunden und können es ebenfalls präsentieren.

Was das heißt, begreift erst, wer das Frühwerk von Matisse gesehen hat: Seine zunächst stillen, dunklen Interieurs sind an der holländischen Genremalerei geschult. Welche Befreiung die Farbigkeit des Mittelmeers für den aus der nördlich-düsteren Picardie stammenden Maler bedeutete, ist noch heute beglückend zu erfahren. Der Reigen, zu dem Matisse seine orangefarbenen Akte auf tiefem Blau arrangiert, sprengt bei ihm jedes einzelne Bild. Und zieht den Betrachter mit.

Ein Foto von Lucien Hervé von 1949 zeigt Matisse in seinem Zimmer im Hotel Régina in Nizza. In seinen Brillengläsern spiegelt sich der Balkon, die Sonne, das Meer. Der Malerblick als Medium, die Kunst als Spiegel: Es gibt keinen schöneren Abglanz des Lebens.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20, bis 19. Feb., danach Fondation Beyeler, Riehen. Katalog (Hatje Cantz) 25 €

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