Kultur : Mehr Spaß ist nötig

VOLKER KIPKE

Weg von der klassischen Kur, heißt es auf Fehmarn und auch in GrömitzVON VOLKER KIPKE

"Mehr Licht! Mehr Großzügigkeit! Mehr offene Räume!" Wie ein Prophet ruft es der Dr.Armbrecht in die etwas engen und nicht besonders hellen Flure des Kurmittelhauses von Burg auf Fehmarn hinein.Einfach furchtbar findet er die jetzige Atmosphäre darin."Und mehr Spaß ist nötig!", ruft er recht gestreng.Also: Umbau; und ein ganz neues Konzept soll her.

Daran bastelt Axel Armbrecht - Chef des Unternehmens "Mensch in Bewegung" - längst.In die Zukunft blickt er mit leuchtenden Augen; denn nach der jetzigen Mikroelektronik-Konjunktur werde, so zitiert er einen Wirtschaftsforscher, in den nächsten dreißig Jahren die Gesundheit die Nummer 1.Er bereitet sich und Fehmarn darauf vor, inmitten der Kurkrise - während manches ehedem stolze Seeheilbad drüben am schleswig-holsteinischen Festland den Kampf ums Dasein als Kurort anscheinend aufgibt: Es wird gemunkelt, daß einige erwägen, auf den Heilbadtitel künftig zu verzichten und eventuell die Kureinrichtungen abzureißen.Zu lange hätten sie sich mit großen Kurmittelhäusern "herumgeplagt", sagt ein Kurdirektor von der Lübecker Bucht.Flau ist die Stimmungslage am Ende der letzten Hauptsaison ohnehin.Sogar den Fischen sei die See im Sommer zu kalt und damit der Fang schlecht gewesen, knurrt ein Haffkruger Fischer gnadderig.Schietwedder.

"Kur" scheint hier allmählich zum unanständigen Wort zu werden; zumindest "antiquarisch" nennt es der Marketing-Betriebsleiter von Grömitz, der anstelle des abgeschafften Kurdirektors amtiert.Sogar im zukunftsfreudigen Fehmarn wird "das Wort Kur überall rausgeschmissen", sagt KurtHenning Marten, der immerhin noch Leiter des "Kur"-Betriebes ist.Sein Kurmittelhaus soll demnächst privatisiert werden und damit auch die prophezeite Durchleuchtung erhalten.Für die "Weiterentwicklung" auch des Hallenwellenbades meldete ein Investor Interesse an.Fehmarn, die eigentlich recht urige Insel, die in den sechziger Jahren ihre Kurabteilung am Südstrand von Burg mit augenschmerzenden Hochhäusern umstellte, hat wirtschaftlichen Aufwind besonders nötig: Seit dem Bau der Beltbrücke meiden die meisten Güterzüge auf dem Weg nach Dänemark die berühmte "Vogelfluglinie" und den Hafen Puttgarden, dadurch gingen zahlreiche Arbeitsplätze verloren.

Timmendorfer Strand schätzt sich heute glücklich, daß es ein relativ kleines Kurmittelhaus besitzt.Zwar werde "ein Kurgast noch hier und da gesichtet", witzelt Kurdirektor Volker Popp, aber "deutlich weniger als ein Prozent der Gäste" machen eine Kur; es waren immerhin mal fünf Prozent.Früher diente das Kurwesen den Seebädern als probates Mittel, vom bloßen Sommertourismus wegzukommen und die Saison in den Frühling und den Herbst hinein zu strecken.Ob es wirklich der Kur zu danken ist oder ob es an ohnehin gewandelten Vorlieben der Touristen liegt - jedenfalls haben sich inzwischen September und Oktober "als starke Urlaubsmonate herausgestellt", und nun gelte es, auch den Winter "forciert zu bewerben", sagt der Grömitzer Marketingleiter Olaf Dose-Miekley.

Voraussetzung für den Erfolg ist, daß die Orte dann nicht wie Geisterstädte im Sturmgebraus daliegen: Die Infrastruktur muß vorhanden sein, auch wenn sie nur in geringem Umfang genutzt wird.Deshalb werden in Grömitz Hotels und Geschäftstreibende animiert, ganzjährig offenzuhalten.In Timmendorfer Strand haben nach Angaben seines Kurdirektors entsprechende Überredungskünste bereits voll gewirkt.Auch die Kurmittelhäuser bleiben im Winter geöffnet, trotz allem.Und auch noch unter dem traditionellen Namen, solange man für den "mittlerweile negativ besetzen Begriff Kur" (Popp) noch keine neue - man darf vermuten: eine englische - Bezeichnung gefunden hat.Auf Fehmarn strebt Kurbetriebsleiter Marten einen Ganzjahresbetrieb an, der Burg zu einer bekannten "Gesundheitsadresse" machen soll und den Einheimischen "mehr bietet, als nur Verluste zu sammeln und zu meckern über schlechte Jahreszeiten".

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