Kultur : Mehr Swing!

Wynton Marsalis über sein Verständnis von Jazz

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Der Trompeter Wynton Marsalis, 48, ist einer der erfolgreichsten und umstrittensten Jazzmusiker der Gegenwart. Am heutigen Sonnabend und morgigen Sonntag führt er in der Berliner Arena um 19.30 Uhr mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern seine „Swing Symphony“ auf. Im Siedler-Verlag ist soeben sein Buch „Jazz, mein Leben – Von der Kraft der Improvisation“ erschienen (208 Seiten, 19,95 €).

Mister Marsalis, spiegelt sich in Ihrer Swing Symphony Ihre Vorliebe für die Geschichte des Jazz?

Ich halte das Konzept eines King Oliver immer noch für revolutionär. Die Geschichte ist aber bei allem, was ich tue, präsent, und ich versuche, sie in meiner Sprache nachzuerzählen. Ansonsten spiegelt das Stück auch, dass ich drei Jobs gleichzeitig hatte. Ich konnte mir nicht ein Jahr freinehmen, um zu komponieren. Ich schrieb die Sinfonie in drei Monaten, während ich Jazz at Lincoln Center leitete und mit meiner Band auftrat.

In „Jazz, mein Leben“ beschreiben Sie, wie Sie die Musik Ihres Vaters Ellis als Protest gegen die Rassentrennung wahrgenommen haben. Wie sehen Sie das heute?

Die Musik hat immer noch dieses Element. Aber es ist nicht mehr der Protest gegen die Segregation, sondern gegen den Mangel an Bewusstsein davon, wer wir sind und was uns zusammenhält. Darin sehe ich die heutige Aufgabe des Jazz.

Sie haben für Obama im Weißen Haus gespielt. Was hat sich seit seiner Wahl verändert?

Der Obama-Effekt stellt sich nicht so schnell ein. Ich bin in Kenna, Lousiana aufgewachsen, wo Schwarz und Weiß komplett getrennt waren. Trotzdem habe ich nie den Glauben an das politische System oder die Kraft der Musik verloren. Die Wahrheit der Musik ist Menschlichkeit. Das allein zählt.

Sie haben sich durch Ihre auf den Swing begrenzte Jazzdefinition viele Feinde gemacht. Sie warfen einigen Musikern vor, nicht spielen zu können, und klammerten in der „Jazz“-Dokumentation des Filmemachers Ken Burns, bei der Sie als Berater fungierten, die Musik der 60er und 70er Jahre aus. Vertreten Sie jetzt, 20 Jahre später, immer noch diese Position?

Ja, sogar noch deutlicher. Aber ich möchte das von den Burns-Filmen trennen. Es war seine Dokumentation, er hatte entschieden, was ihn im Jazz interessiert. Und was Musiker betrifft, gibt es immer verschiedene Meinungen.

Sie sind UN-Friedensbotschafter, das „Time Magazine“ zählt Sie zu den 25 einflussreichsten Amerikanern. Müssten nicht gerade Sie Musiker einschließen, die Ihrem Jazzverständnis nicht entsprechen?

Wenn ich etwas nicht als zu unserer Musik zugehörig betrachte, warum sollte ich es einschließen? Ich bin der künstlerische Leiter des New Yorker Lincoln Center. Wir präsentieren Jazz, und manchmal sogar keinen Jazz. Erst vor kurzem ist bei uns der Pianist Cecil Taylor aufgetreten. Aber ein Stil, der die europäische Avantgarde kopiert, kann nicht die Avantgarde des Jazz sein. Der Altsaxofonist Ornette Coleman hat in diesem Jahr die Saison bei uns eröffnet. Aber das ist kein Jazz, es ist nicht genug. Nicht genug, um Menschen glücklich zu machen.

Das Gespräch führte Maxi Sickert.

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