Kultur : Mehr Trommelfell wagen

Das „Stomp“-Spektakel im Berliner Admiralspalast

Thomas Lackmann

Wenn viele Sachen Töne machen, ist das nur Lärmkulisse. Wo alle Dinge sich im Takt bewegen, entsteht ein Rhythmical. Besen streifen übern Boden wie Schlagzeugbesen. Besenstiele klopfen. Streichholzschachteln rappeln. Sand kratzt auf Holz. Handfeger rascheln. Mülleimer klappern. Mülltonnen bollern. Ölfässer donnern. Plastikrohre schwingen singend. Küchenspülen scheppern. Saugglocken ploppen. Ein Mopp macht fast kein Geräusch. Plastikflaschen dengeln. Feuerzeuge klicken. Klappstühle klacken. Zeitungen knistern. Plastiktüten auch, wenn sie nicht buffen oder boppen. Bälle knallen. Holzkisten ratschen. Kuchenbleche, aufeinandergehauen, schmettern. Menschen werden Percussion-Maschinen. Sie stampfen, schuhplatteln, klatschen, steppen, schnippen, rülpsen. Klettern auf ein Schrottgerüst, das mit Karosserien, Töpfen, Pfannen, Tonnen bestückt ist, schwingen davor wie Klöppel hin und her: lebende Glockenspiele in der Synkopen-Fabrik.

Seit 1991 rattert „Stomp“ um den Globus und gastiert jetzt im Berliner Admiralspalast. Weltweit sind zur Zeit vier „Stomp“-Truppen unterwegs: Das Performance-Rezept, von Protagonisten eines Straßentheaters und einer Straßenband in Brighton erfunden, funktioniert. Das zeigen auch Nachahmerproduktionen bis nach Australien oder Korea, wo starke Naturburschen oder stäbchenklöppelnde Ess-Akrobaten ebenfalls Materialien ihrer Alltäglichkeit, Körperteile oder Ernährungswerkzeuge, in Schlagwerk verwandeln.

Gemeinsam ist all den Rhythmus-Tourneen ihr Ursprung im folkloristischen Off-Entertainment – und die Vermarktung als international kompatibles Fließbandprodukt. Der Tingeltangel-Charme und die „Poesie des Alltags“, wie sie „Stomp“ von den Feuilletons gern zugesprochen wird, geht bei dieser Produktentwicklung eher verloren. Intro-Musik und Ansage vom Band entpersönlichen das Spektakel noch vor Beginn.

Gleichwohl bedient der Stampf-Event Publikumsfantasien. Hier emanzipieren sich Körper jenseits aller Mucki-Buden zu Instrumenten, und jeder von uns – das suggerieren zahlreiche Mitmach-Acts, aber auch die werbetauglichen „offenen Auditions“ in Berlin – könnte dabeisein. Hier entsteht, als Antwort aufs dumpfe Technoknattern der Rhythmus-Computer, die scheinbar grenzenlose Freiheit des Taktgefühls. Hier formiert sich das schwarz-weiße „Unterschicht“-Ensemble aus sechs Männern und zwei Frauen in Muscle-Shirt und Army-Hose zum romantischen Slum-Klischee: Wir sind cool, das ist gut so.

Geschichten freilich erzählt das coole „Stomp“-Personal nicht; nur ein tätowierter Bandenchef mit Irokesenschnitt und ein hühnerbrüstiger Hänfling als Outcast-Clown zeigen Eigenschaften. Auch die Erzählung der Gegenstände reduziert sich aufs Demonstrieren ihrer Funktion: So entwickeln sich Besengeräusche nicht aus einer realen Putzsituation, es werden lediglich, nach wiederkehrendem Muster – anschwellend, abschwellend – Schlagzeug-Gags vorgeführt. „Jeder Mensch hat Rhythmus, und sei es nur der des eigenen Herzschlags – er ist die Basis von jeder Musik“, heißt es im Programmheft. Dass Herzen sich auch großem Gefühl öffnen könnten, zeigt die Show in den raren Momenten, wenn packende Bilder entstehen. Wenn sich Hinterhofzeitvertreib unter vier Spotkegeln in furioses Kampfballett verwandelt, nach Art des brasilianischen Capoeira. Wenn Riesenritter auf schwarzen Kothurn-Tonnen mit sausenden Eisenstangen einhertrampeln und ein Zwerg in seiner Holzkiste ganz unten um sein Leben kraucht. Schönheit und Angst; die Welt als Trommelfeuer.

Bis 19. November im Admiralspalast, 20 Uhr. Bewerbung für Auditions am 6. November um 9 Uhr, Bühneneingang.

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