Kultur : Mehr Wärme wagen

Christian Schröder bilanziert den Stromverbrauch von „Live Earth“

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Der Pop und der Strom, das ist eine lange Liebesbeziehung. Strenggenommen beginnt die Geschichte der Popmusik erst mit ihrer Elektrifizierung, denn um massenwirksam zu sein, braucht Musik vor allem eins: Verstärkung. Pioniere wie Adolph Rickenbacker, Erfinder des elektrischen Gitarrentonabnehmers, oder Laurens Hammond, Schöpfer der Elektroorgel, schufen mit ihren Tüfteleien die Grundlagen für ein Genre, das sich heute im phonstarken BPM-Gehämmer der Technoumzüge und den mit Lautsprecherwänden, Scheinwerferbatterien und Monstermonitoren aufgerüsteten Arenen des Stadionrock austobt. Zu den Rock’n’Roll-Gründungslegenden gehört Bob Dylans Auftritt beim Newport Festival 1965, wo er erstmals seine Gitarre in einen Verstärker stöpselte, um „Like A Rolling Stone“ zu singen. Folk-Stalinisten galt Dylan fortan als Verräter, sein Kollege Pete Seeger soll geflucht haben: „Verdammt, wenn ich eine Axt hätte, würde ich das Kabel durchhauen.“

Das elektrische Kabel ist der gordische Knoten der Neuzeit, und es braucht schon jemanden wie Al Gore, um das Problem zu lösen, indem er es Alexander dem Großen gleichtut: einfach durchschneiden. Öko-Aktivismus kann ein scharfes Schwert sein. Es geht darum, die Welt zu retten und dabei auch noch Spaß zu haben. Der ehemalige US-Vizepräsident hat zum größten Benefizkonzert aller Zeiten eingeladen. Beim „Live Earth“- Spektakel am 7. Juli sollen mehr als 100 Bands in London, New Jersey, Sydney, Rio de Janeiro, Johannesburg, Tokio und Schanghai gegen die Klimakatastrophe rocken. Madonna, die Beastie Boys, Bon Jovi, Genesis und James Blunt haben zugesagt, man rechnet mit zwei Milliarden Zuschauern.

Gores Idee ist größenwahnsinnig – und gerade deswegen großartig. Enorme Strommengen werden fließen müssen für „Live Earth“, Tausende werden von A nach B fliegen, tonnenweise Kohlendioxid in die Atmosphäre blasend. Die Erde wird nach diesem 7. Juli, das lässt sich schon jetzt sagen, ein noch wärmerer Ort sein. Aber darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen einschalten, zuhören, mitmachen. „Der einzige Weg, unsere Worte wieder mit Sinn zu füllen, ist Musik“, sagt Al Gore. Der 7. Juli wird ein gigantisches Abschiedsfest, am 8. Juli beginnt eine neue Epoche. Wir wechseln unsere Stereoanlagen gegen Energiesparlampen aus und fahren mit dem Rad zum Konzert.

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