Kultur : Mehrwert durch Mehrzahl „Kultur und Politik“: Auftakt der UdK-Reihe

Was mag die Zukunft bringen? Eine komplexe Frage, selbst wenn sie auf die Zukunft Europas und die der Zeitung verengt wird. Großes also wurde verhandelt, als am Mittwoch die neue Veranstaltungsreihe „Kultur und Politik“ an der Universität der Künste mit den Antrittsvorlesungen der beiden neuen Honorarprofessoren im Masterstudiengang Kulturjournalismus eröffnet wurde.

Bascha Mika, seit 1998 Chefredakteurin der „taz“, skizziert in ihrer Vorlesung „Die Zukunft der Zeitung“ – und Tagesspiegel-Kulturautor Peter von Becker stellt die Frage „Europa – eine Kulturnation?“ Während Mika, die zugleich Leiterin des Studiengangs ist, sich der von ihr konstatierten „Mode, die Zeitung tot zu unken“ mutig mit pragmatischen wie idealistischen Überlegungen in den Weg stellt, rollt Peter von Becker den Vielvölkerteppich Europa zeitlich von hinten auf und beginnt bei Europa als mythologischer Gestalt.

In großen geistesgeschichtlichen Bögen lässt er die phönizische Königstochter Europa auf dem Rücken des Zeus-Stieres mehrfach von den Ufern des heutigen Libanon über das Mittelmeer in das – geografische wie gefühlte – mitteleuropäische Herz reisen. Er betont, dass Europa „von außen her, vom Rand“ gekommen sei. Seine Argumentation mündet in dem Appell, dass man einen EU-Beitrittskandidaten wie die Türkei daher „nicht aus und gegen Europa“ treiben dürfe. Aus der ethnischen und kulturellen Vielfalt Europas müsse eine Politik des „Sowohl- als-auch“ und eines „Mehrwerts durch Mehrzahl“ erwachsen.

Ähnlich wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ sei auch Europa ein „Möglichkeitsmensch“ mit vielen Gesichtern und Optionen, und erst das Spiel der Gegensätze, die „kontrollierte Differenz“ führe zu gegenseitiger Nähe und Achtung. Gleichheit dürfe es, so von Beckers Antwort auf die Titelfrage, nur auf dem Gebiet der Rechtsstaatlichkeit geben, nicht aber im Bereich der Kultur oder Kunst.

Unter fünf Gesichtspunkten analysiert Mika „das Krankenblatt der 400 Jahre alten Dame Zeitung“: Auflagen- und Anzeigenzahl, Profil der Eigner, gesellschaftliche Funktion und Internet. Dem Rückgang der Auflagenzahlen stellt sie die Befürwortung eines Verständnisses von Zeitung als „Eliteprojekt“ entgegen, den Anzeigeneinbußen neue Modelle der Mischkalkulation. Mika spricht sich für (Klein-)Verleger aus, die die Zeitung als kulturellen Wert hochhalten. Sie ist gegen staatliche Subventionen, kann sich aber unter Umständen Gebühren-, Stiftungs- oder Genossenschaftsmodelle wie im Falle der „taz“ vorstellen. „Das Internet verdrängt die verlässlichen, aufbereiteten Informationen einer Zeitung nicht, es ergänzt sie nur“, schließt Mika optimistisch.eve

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