Kultur : Mein bisschen Frieden

In den 80er Jahren musste man sich entscheiden: Für oder gegen die Bundeswehr, für oder gegen die Raketen. Unser Autor geriet in diesem Glaubenskrieg zwischen die Fronten. Nach mehr als 20 Jahren hat er seine alte Kaserne noch einmal besucht und festgestellt: Heute wollen Soldaten Karriere machen.

Albrecht Meier

Von Berlin bis ins friesische Varel braucht man mit dem Zug vier Stunden. Für mich liegen dazwischen mehr als 20 Jahre. 1982 habe ich der „Friesland-Kaserne“ in Varel den Rücken gekehrt. Ich war nur mit halbem Herzen Soldat gewesen, bin im Grunde nur zur Bundeswehr gegangen, weil ich keine richtigen Gründe für eine Verweigerung gehabt hatte. Und jetzt im Zug frage ich mich, was von der alten Bundeswehr übrig geblieben ist außer einer Erinnerung an die große Glaubensschlacht der 80er Jahre. Nebenan unterhalten sich zwei Männer über Schulpolitik. Unser Thema war der Kalte Krieg. Es grassierte die Angst vor der atomaren Katastrophe. Fast 300 000 Friedensbewegte gingen am 10. Oktober 1981 in Bonn auf die Straße, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Sie beschimpften die sozialliberale Regierung und die bürgerliche Opposition als „Kriegshetzer“. Die Regierung und die CDU bezeichneten die Friedensbewegung wiederum als „Ansammlung unverantwortlicher Menschen“. Am 2. Oktober 1981 sagte der SPD-Politiker Erhard Eppler in einem NDR-Interview, dass der Dialog zwischen der Bonner Regierung und Teilen der jungen Generation gestört sei. Denn die junge Generation glaubte, dass man sich entscheiden musste in dem Dogmen-Streit, in den ich damals eher zufällig hinein geraten war: für oder gegen die Bundeswehr, für oder gegen die Stationierung von Raketen in Deutschland. Und heute?

Das zweistöckige rote Klinkergebäude, in dem ich kaserniert war, sieht noch genauso aus wie vor 20 Jahren. Über dem Treppenaufgang steht ein Zitat von Ernst Moritz Arndt: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte, drum gab er Säbel, Schwert und Spieß dem Mann in seine Rechte!“ Erst auf den zweiten Blick fällt auf, was sich verändert hat hier. Vor den Kompaniegebäuden haben die Soldaten ihre Satellitenschüsseln aufgestellt. In den Stuben sind Schnüre aufgespannt, an denen die Wäsche hängt. Die Frauen in Uniform, die man in der Vareler Kaserne sieht, tragen Pferdeschwanz. Es ist lockerer geworden beim Bund.

Feindliche Übernahme

Es ist derselbe Flur, auf dem auch wir schon Maschinengewehre und G-3-Gewehre in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengelegt haben. Der Hauptgefreite Dominik W., der an einem der Tische sitzt, hat die Bestandteile der Waffe vor sich ausgebreitet, das Mündungsstück in Öl eingelegt und anschließend mit einem Radiergummi wieder blank gescheuert. Man braucht über eine Stunde, um das Mündungsstück eines Maschinengewehrs, die so genannte „Rohrführungshülse“, nach einer Schießübung wieder sauber zu bekommen. Ich habe oft ganze Nachmittage damit verbracht, ein einziges Gewehr zu reinigen. Da hatte man viel Zeit zum Nachdenken und zum Fluchen auf die öde Routine. Dominik W. scheint das dagegen nicht viel auszumachen. „Bis man hier sein Handwerk versteht, braucht man auch einige Zeit“, sagt er.

Eine schrille Stimme schallt über den Flur. „So, meine Herren, um 11.45 Uhr sind die Waffen leicht eingeölt und stehen vor der Waffenkammer“, brüllt der Oberfeldwebel. Dominik W. baut also sein Maschinengewehr wieder zusammen. Er hat ein braun gebranntes Gesicht und unterhält sich offensichtlich gern – selbst wenn seine Vorgesetzten dabei sind. Wohl aus diesem Grund hat ihn sein Zugführer für das Gespräch mit der Presse ausgesucht. Dominik, ein Wehrpflichtiger so wie ich damals, hat sich über die ursprüngliche Dienstzeit hinaus für weitere 14 Monate verpflichtet. Damit gibt es für ihn theoretisch auch die Möglichkeit, an einem Auslandseinsatz teilzunehmen. Man kennt ja die Bilder von der Bundeswehr in Bosnien oder im Kosovo. Und doch klingt es für mich sehr fremd, als der 20-Jährige in seiner lässigen tarnfarbenen Uniform sagt: „Jeder hier will in den Einsatz, manche mehr, manche weniger.“

Ich habe mich vor den Schießübungen gedrückt, wenn es nur irgend ging. Meist genügte eine Krankschreibung vom Sanitätsarzt am Heimatort, und schon konnte man eine Woche zu Hause bleiben. „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“, lautete damals einer unserer Sprüche. Es hätte sich deshalb nicht übermäßig gut gemacht, wenn ich mich beim Bund als Scharfschütze ausgezeichnet hätte. Ansonsten lernten wir damals in der Armee, was im Kriegsfall zu tun wäre, irgendwo an der Frontlinie, die ja durch Deutschland verlaufen würde: Absitzen vom Panzer, das Gewehr im Anschlag, in Stellung gehen.

Zwar erschien uns damals die Möglichkeit eines großen Atomkrieges eher gering; für mich bekam sie aber als Bundeswehrsoldat auch etwas Reales. Zunächst hatten die Sowjets ihre Mittelstreckenraketen vom Typ SS 20 auf den Westen gerichtet. Dann kündigte die Nato die Stationierung von Pershing- II-Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern in Westeuropa an, auch in der Bundesrepublik. Natürlich war nicht geplant, dass die Deutschen Zugriff auf die amerikanischen Nuklear-Sprengköpfe der Pershing-Raketen bekommen sollten. Aber es war vorgesehen, dass einige der Nato-Raketensysteme von der Bundeswehr kontrolliert werden. Das gab der Kriegsangst eine echte Kontur – und mir einen guten Grund, in Bonn gegen die Nachrüstung zu demonstrieren.

Damals, 1981, war Dominik noch nicht geboren. Er schaut mich nur fragend an, als ich ihm erzähle, wie aufgeheizt die Stimmung seinerzeit war. Die Truppe, der er angehört, ist das Fallschirmjägerbataillon 313. Männer aus seinem Bataillon waren schon in Bosnien, im Kosovo, am Horn von Afrika und in Afghanistan. Die Bundeswehr muss sich jetzt nicht mehr auf einen theoretischen Ernstfall an der deutschen Grenze einstellen, sondern ihn ganz konkret in entfernten Regionen bewältigen: auf dem Balkan und jenseits der Grenzen Europas.

Unser Einsatzradius reichte in der Regel gerade einmal 20 Kilometer über Varel hinaus. Unter anderem galt es, in einem benachbarten Munitionsdepot an einem langen Zaun mit Gewehr und scharfer Munition Streife zu laufen. Einmal hat sich dabei auch versehentlich ein Schuss gelöst. Aber sonst waren wir keinen größeren Gefahren ausgesetzt.

Einer, der den ganzen Wandel der Bundeswehr in Varel miterlebt hat, ist Josef A.. Er hat graue Haare, eine durchdringende Stimme und war früher mal Kompaniefeldwebel, bevor er dann in „ruhigere Fahrwasser“ kam, wie er sagt. Heute ist er 50, in zweieinhalb Jahren soll Schluss sein mit dem Soldatenleben. Josef A. sagt es mit einer gewissen Erleichterung. Die Situation, in der ich ihn treffe, ist nicht ganz günstig für ein übermäßig persönliches Gespräch. Er trägt Uniform, da die Begegnung im Offiziersheim stattfindet. Er hat die Schulterklappen eines Stabsfeldwebels – das entscheidende hierarchische Merkmal für das halbe Dutzend Wehrpflichtige, die das Gespräch ebenfalls verfolgen. Josef A. trat 1972 bei der Bundeswehr in Varel ein und hat seither den Standort nicht gewechselt. Als er Soldat wurde, war eine Laufbahn noch halbwegs plan- und überschaubar. Es gab keine Auslandseinsätze, keine Nato Response Force, keinen 11. September. Josef A. wurde zum Kompaniefeldwebel befördert. Aber auch zu diesem Zeitpunkt sollten noch Jahre vergehen, bevor das Wort „Taliban“ in den Zeitungen auftauchte.

Im September 1992 kamen dann die Fallschirmjäger mit ihren roten Baretten nach Varel, eine feindliche Übernahme, wenn man so will. Josef A.s Panzergrenadiere wurden plötzlich mit dieser Truppe zusammengelegt, die von nun an tonangebend werden sollte. Ein Fallschirmjäger lernt, aus dem Flugzeug abzuspringen, er muss gut mit der Waffe umgehen können und über viel Kondition verfügen. Was sich ein bisschen nach James Bond anhört, ist auch in der Realität interessant genug. Im nordafghanischen Kundus sind Fallschirmjäger aus Varel gerade dabei, ein bisschen Frieden aufzubauen.

Hätten wir den Frieden in Afghanistan sichern können? Wir Wehrpflichtige standen damals ziemlich viel im Weg herum oder stifteten Verwirrung – ich zumindest. Beim Einsteigen in die Panzerluke mitten in der Nacht weckte ich einen Unteroffizier, weil ich mit meinen Kampfstiefeln auf seinem Bauch landete. Ein anderes Mal bekam ich den Auftrag, einen Kanister zu holen und einen Lkw-Tank nachzufüllen. Nur leider erwischte ich den Kanister mit dem Kalkreiniger, der Benzin-Motoren und Plastikleitungen bekanntlich nicht so gut tut. Ein Soldat aus Köln durfte den Kalkreiniger anschließend wieder abpumpen, was ihm aber den Vorteil verschaffte, mich vor der Mannschaft fortwährend brandmarken zu können. Etwa so: „Dat is doch der Knallkopp, der den Kalkreinijer in den Tank jeschüttet hat.“

Da macht der Hauptgefreite Dominik W. schon einen besseren Eindruck als ich seinerzeit. Als Soldat der modernen Bundeswehr muss er damit rechnen, bei friedenserhaltenden Maßnahmen unter UN-Mandat auch auf bewaffnete Männer zu treffen, die nicht unbedingt einer regulären Armee angehören. Anders als ich vor 20 Jahren kann er kein klares Bild vom „Feind“ haben. Er verfügt über ein Gewehr vom Typ G 36 mit einer Ausstattung, die bei der Bundeswehr sonst nicht Standard ist. Fallschirmjäger haben eine Waffe mit so genanntem Laser-Licht-Modul, die eine erhöhte Treffgenauigkeit ermöglicht. Er trägt außerdem ein privates Messer „am Mann", wie es im Jargon heißt. „Es gibt einen alten Spruch: Der Bund macht dich zum Mann. Da ist schon was dran“, meint Dominik.

So hätte ich das seinerzeit wahrscheinlich nicht unbedingt gesagt. Vielmehr legte ich am Wochenende, sozusagen an der Heimatfront, Wert auf die Feststellung, dass wir Panzergrenadiere doch im Kriegsfall als erste verheizt würden. Allerdings habe ich kurz vor meiner Reise nach Varel eine Mail von dem Ex-Kameraden bekommen, mit dem ich immer gemeinsam Streife im Munitionsdepot lief. Wir hörten das Lied „Carpet Crawlers" von Genesis, und aus dem Ex-Kameraden ist inzwischen ein Wirtschaftsprofessor geworden. Aus seiner Sicht gehört die Wehrpflicht in Deutschland abgeschafft, weil die Ausbildungszeiten hierzulande ohnehin schon viel zu lang seien. Aber eines möchte er im Rückblick auf die Bundeswehr-Zeit nicht missen: „Die Erfahrung, sich durchgebissen zu haben.“

Die Mannwerdung

Es lässt sich nicht leugnen: Es war tatsächlich ein schönes Gefühl, wenn am Ende eines Nachtmarsches irgendwann die Sonne aufging. Bis zum Ziel waren es nur noch ein paar Kilometer – und man gehörte nicht zu denen, die unterwegs als Fußkranke aufgelesen worden waren. Im Sport ist es auch nicht anders.

Was aber geschieht mit einer jungen Frau, wenn sie zur Bundeswehr geht? Zum Beispiel mit der jungen Rekrutin aus Wildeshausen, die bei der Begegnung mit der Presse an diesem Vormittag in Varel ebenfalls dabei ist? Sie hat beschlossen, sich für vier Jahre als Soldatin zu verpflichten. Das sieht sie als nüchterne Karriere-Chance. Vorher hat sie schon „im IT-Bereich“ gearbeitet, erzählt sie, und das wird sie jetzt auch bei der Bundeswehr tun. Vor 20 Jahren hörte man zwar immer gerüchteweise davon, dass es Frauen in Uniform gäbe – etwa bei den Sanitätern oder im Musikkorps. Aber gesehen hat sie keiner von uns.

Anfang der 80er Jahre gab es zwar einerseits weniger Frauen bei der Bundeswehr als heute – dafür aber sehr viel mehr junge Männer. In der Wendezeit wurden teilweise über 200 000 Wehrdienstleistende pro Jahr registriert. Seither ist ihre Zahl rapide gesunken. Im vergangenen Jahr verschickte die Bundeswehr knapp 120 000 Einberufungsbescheide. Derzeit gleicht die Frage, wer in Deutschland zu einem Dienst – also Bundeswehr oder Zivildienst – herangezogen wird und wer nicht, eher einem Lotteriespiel. Vor allem die Grünen, aber auch SPD-Politiker fordern schon lange ein Ende der Wehrpflicht, das zwangsläufig auch den Verzicht auf den Zivildienst zur Folge hätte. Die militärische Praxis spricht auch nicht gerade für den Zwangsdienst: Gerade neun Monate dauert die Wehrpflicht im Minimum. Die knappe Zeitspanne ist kaum vereinbar mit den Anforderungen einer immer professioneller werdenden Spezialisten-Truppe.

Angst muss sein

Dennoch will der Kommandeur der Fallschirmjäger in Varel nichts auf die Wehrpflichtigen kommen lassen, die ihm unterstellt sind: „Es sind sehr leistungsfähige Soldaten." Oberstleutnant Uwe Jansohn hält sich im Gespräch zunächst zurück, lässt seine Untergebenen sprechen. Seine unaufdringliche Art erinnert ein bisschen an einen Seminarleiter, der jeden zu Wort kommen lassen will. „Wir meiden den Begriff Elite", sagt Jansohn, der schon im Kosovo war und in Kundus . Seine Fallschirmjäger gehen immer „als erste rein", wenn irgendwo ein Lager für einen Auslandseinsatz eingerichtet wird.

Dass er zu den Fallschirmjägern wollte, wusste auch Dominik W. schon bei seiner Musterung. Obwohl er kein Zeit- oder Berufssoldat ist, hat er sich in seine Truppe gut eingefügt. Sonst hätten ihn seine Vorgesetzten auch kaum gefragt, ob er noch länger dabeibleiben will. „Ich bin am Grübeln", erzählt er. Für einen 20-Jährigen verdient er nicht schlecht. Im letzten Monat ist er auf 1300 Euro gekommen, Steuern braucht er nicht zu zahlen. Wahrscheinlich wird aber trotzdem für Dominik nach den 23 Monaten Schluss sein bei der Bundeswehr: „Das war ein Abschnitt meines Lebens, dann ist es auch o.k. so." Vielleicht geht er danach in die USA, wo er als Gastschüler vorher auch schon einmal ein Jahr lang auf einer High School war. Das College-Fach „World History" interessiert ihn.

Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Dominik fängt an, seine Sachen zu packen. In vier Tagen soll es auf den Truppenübungsplatz in der Lausitz an der polnischen Grenze gehen, zwei Wochen lang. Die Weste mit den vier Magazintaschen wird er dann brauchen, auch den kleinen Esbitkocher und zig andere Sachen. Schal, Mütze, Nägel, Schnur, die Wasserflasche. Für seine eigene Aufgabe bei den Fallschirmjägern hat der Wehrdienstleistende eine fast poetische Umschreibung gefunden. „Ich bin das Auge der Gruppe“, sagt er. Das ist ein Job, der im Ernstfall möglicherweise auch tödlich enden könnte, weil er das Gelände zehn bis 15 Meter vor seinen Kameraden erkunden muss. „Man muss den Feind aufklären, bevor man selber aufgeklärt wird“, fasst er seine Aufgabe als so genannter „Nahsicherer“ lakonisch zusammen.

Es ist aber nicht unbedingt die Frage vom Aufklären und Aufgeklärt-Werden, die Dominik Angst macht. Auf ihn wirkt meine Geschichte aus den 80er Jahren, als es um Wehrdienst, Zivildienst und mündliche Gewissensprüfung ging, wie eine ferne Episode. Um die große Politik geht es heute nicht mehr, wenn man sich für oder gegen die Bundeswehr entscheidet. Sein bester Freund geht auch nicht zur Bundeswehr. Als dessen Entscheidung gegen die Armee feststand, da hat er nur gesagt: „Wenn du es so willst, ist es o. k.“

Was aber nicht heißt, dass nicht auch Dominik manchmal von Ängsten geplagt wird. Aber die hängen nicht mit einem großen Atomkrieg in der Mitte Europas zusammen, so wie seinerzeit, sondern mit einem Flugzeug namens Transall C-160. Jedesmal, wenn er da einsteigt und sich zum Absprung mit dem Fallschirm fertig macht, befällt sie ihn, die Angst. Wer gar keine Angst hat, der wird auch schnell unvorsichtig – so lautet eine Springer-Regel. Dominik lächelt, als er das Gefühl beim Fallschirmsprung beschreibt: „Da ist auch immer Lust dabei.“

Zum Auslandseinsatz ist Dominik dann doch nicht geschickt worden. Vielleicht lag es am Zeh, den er sich beim Fußballspielen gebrochen hatte. Es passierte, kurz bevor über die Teilnehmer des Einsatzes in der Kompanie entschieden wurde. „Was der wirkliche Grund dafür war, weiß ich nicht,“ sagt er. „Aber ich habe das zu akzeptieren.“

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