Kultur : Mein Bruder, mein Feind

Vor den Wahlen: Kosovo, Milosevic und die Nationalisten – Serbien wird die Geister seiner Vergangenheit nicht los

László Végel

Sieben Jahre, so steht es in der Bibel, diente Jakob bei Laban, um die wunderschöne Rahel zur Frau zu bekommen. Die sieben Jahre vergingen, und nach dem Hochzeitsmahl wandte Laban, der Vater des Mädchens, einen Trick an: Er schickte seine ältere, hässlichere Tochter Lea in Jakobs Zelt. Als Jakob den Betrug bemerkte, rechtfertigte Laban sich damit, dass es nicht üblich sei, die jüngere Tochter vor der älteren zu verheiraten. Er schlug Jakob vor, weitere fünf Jahre zu dienen, dann könne er auch Rahel heiraten. Sieben Jahre nach dem Sturz von Milosevic, jetzt, da in Rumänien und Bulgarien der EU-Beitritt gefeiert wird, fragen sich auch die serbischen Bürger, wer ihnen Lea ins Zelt geschickt hat.

Die Politiker versprechen wieder einmal Wunder. Da ist die demokratische Opposition, die Serbiens schnellen EU-Beitritt verspricht. Die rechtsextremistische Opposition verspricht die Rückgewinnung des Kosovo. Und die Mehrheit der Regierungsparteien mit Regierungschef Kostunica an der Spitze verspricht sogar, dass man für solche Wunder gar nichts zu tun brauche, es komme von selbst. Europa werde seinen Irrtum schon einsehen. Mit Ausnahme einer neuen, noch kleinen liberaldemokratischen Partei fordert niemand in Serbien dazu auf, das Unumgängliche zu tun: Kosovo abgeben, Reformen durchsetzen, sich Europa annähern.

Bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag, dem 21. Januar, geht es auch um die Regelung der Kosovo-Frage. Eine Hürde, vor der die serbische Gesellschaft zwischen realpolitischem Pessimismus und messianischem Optimismus schwankt. Offiziell schwören alle auf die Zugehörigkeit des Kosovo, aber hinter vorgehaltener Hand geben auch die größten Nationalisten zu, dass das Kosovo verloren ist. Egal ob die einstige Provinz vollständig oder, mit „überwachter Autonomie“ nur teilweise unabhängig wird: Der Traum von der historischen Mission Serbiens auf dem Balkan, der Traum von Groß-Serbien ist ausgeträumt.

Der Name Kosovo bezeichnet also nicht nur ein territoriales Problem, sondern auch ein Dilemma in der politischen Kultur des Landes. Ein Dilemma nicht nur des Verstands, sondern auch des Gefühls. Denn mit dem Problem der territorialen Integrität musste sich die Nation während ihrer fast hundertjährigen Geschichte immer wieder auseinandersetzen.

Frage an die Historiker: Wann eigentlich hat Serbien das Kosovo verloren? Die beste Antwort hat die Belgrader Historikerin Dubravka Stojanovic formuliert: bereits 1912, als Serbien sich das Kosovo einverleibte, war die Provinz schon wieder verloren. Im 19. Jahrhundert war Serbien ein homogener Nationalstaat. 1912 wurde ihm, dem Sieger im Balkankrieg, das Kosovo angegliedert. Plötzlich sah sich die im homogenen Nationalstaat sozialisierte serbische Elite einem Land mit multiethnischem Charakter gegenüber. Und da die Bevölkerung des Kosovo als politisch und kulturell rückständig galt, installierte man dort eine polizeilich-militärische Verwaltung, die die Albaner ihrer verfassungsmäßigen Rechte beraubte.

Serbien erlebte einen multikulturellen Schock, bei dem die nationalen Interessen und die demokratischen Werte in Konflikt miteinander gerieten. Mit dieser Bürde zog es in den Ersten Weltkrieg, aus dem es mit anderen als Sieger hervorging – um den Preis übermenschlicher Opfer.

Ein großer Teil der politischen Elite Serbiens betrachtete das im Versailler Vertrag erschaffene Jugoslawien voller Skepsis. Es sei besser, die Staatsgrenzen nach ethnischer Ausdehnung zu ziehen, also ein Groß-Serbien zu schaffen, sagten viele. Schließlich gab man dem sogenannten westlichen Druck nach und vertraute auf die Übermacht der siegreichen serbischen Armee. Dem ersten multikulturellen Schock folgte also der nächste.

Schon 1912 hatten sich die Serben nicht zur multiethnischen Gesellschaft bekannt. 1918 fanden sie sich auch noch in einem multiethnischen Staat wieder. Sie wollten nicht integrieren, sondern dominieren. Die Spannung zwischen demokratischen Werten und nationalen Interessen wuchs. Und im zweiten Weltkrieg führte der Widerstand der übrigen Nationalitäten gegen die serbische Vorherrschaft zu einem blutigen Bruderkampf.

Nach dem Krieg wurde Jugoslawien föderalisiert, von dem siegreichen Kommunisten, Antifaschisten und Partisanenführer Josif Broz Tito. Doch die Ein-Parteien-Diktatur beseitigte die Spannungen nicht, sondern sorgte für deren Verdrängung. Nach Titos Tod traten sie prompt wieder zutage. Das Beste am Titoismus – die lockere FöderalismusKonzeption – wurde wieder verworfen. Serbiens intellektuelle und politische Elite vertrat die Ansicht, Jugoslawien habe der Nation geschadet und Tito sei ein Serbenfeind gewesen.

Kein Wunder, dass Serbien das letzte Land der Föderation war, in dem das Mehrparteiensystem eingeführt wurde: Man fürchtete, dass die Albaner ihre eigenen Parteien gründen. Milosevic öffnete also eigentlich nur die Büchse der Pandora, in der die Spannung zwischen Nationalinteresse und Demokratie weggesperrt war. Gleichzeitig protestierte Serbien am energischsten gegen die Mehrparteiensysteme in den anderen Republiken. Aus Furcht vor demokratischen Prozessen gab sich das serbische Parlament im September 1990 eine neue Verfassung mit einem Paragraphen, der besagte, dass man nicht verpflichtet sei, sich an die Verfassung zu halten, wenn die Interessen Serbiens gefährdet seien: der erste sezessionsrechtliche, parlamentarische Akt. 1991 folgte die Abspaltung Sloweniens und die Herauslösung Kroatiens.

Eine Zerreißprobe: Am Ende des 20. Jahrhunderts sah Serbien sich mit denselben Fragen konfrontiert wie hundert Jahre zuvor. Im Kosovo wurde der Ausnahmezustand von Militär und Polizei durchgesetzt. Nach den Nato-Bombardements stimmte Milosevic 1999 im Vertrag von Kumanovo einer UN-Aufsicht über das Kosovo zu, also einer Einschränkung der serbischen Souveränität. Am Sturz von Milosevic beteiligten sich dann sowohl jene, die ihn kritisierten, weil er Kriege führte, als auch jene, die ihm vorwarfen, dass er sie verlor.

Milosevic stürzte im Oktober 2000. Aber seine Nationalpolitik lebt weiter – in der heute regierenden Opposition von damals, die sich schon zu seiner Zeit kaum von ihm unterschied. In 15 Jahren stellte sie kein alternatives, europäisches Programm auf die Beine und war auch nicht imstande, das serbische Dilemma des 20. Jahrhunderts zu beseitigen. Und Regierungschef Zoran Djindjic wurde ermordet, weil er Reformen wagte – und Milosevic ans Den Haager Tribunal auslieferte.

Danach wurde in Serbien eine Art Restaurationsprozess in Gang gesetzt. Polizei und Justiz blieben untätig, Militär und Gerichte wurden keiner kritischen Revision unterworfen, anders als in anderen ehemaligen sozialistischen Ländern wurden auch die Geheimdienstakten nicht geöffnet. So wie Milosevic die kommunistische Nomenklatura übernommen hatte, übernahm die einstige Opposition, der gegenwärtig regierende Demokratische Block, seinerseits Milosevic’ Nomenklatura.

Seit Herbst vergangenen Jahres hat Serbien eine Verfassung, die das Land zum Nationalstaat erklärt und in einer Präambel festhält, Kosovo sei ein unveräußerlicher Bestandteil Serbiens. Damit wäre sogar Milosevic zufrieden gewesen. Der aggressive Nationalismus der neunziger Jahre wurde abgelöst von einer Art depressiver Xenophobie; Euphorie verwandelte sich in Apathie. Im öffentlichen Leben dominieren weiterhin die Nationalisten, aber auch sie befinden sich in einem Vakuum. Im aktuellen Milosevicismus mit vermeintlich menschlichem Antlitz fehlt die Kraft zurückzublicken ebenso wie die Energie voranzukommen. Serbien ist noch immer ein Gefangener seiner Vergangenheit.

Die Wahlen können dieses Problem nicht lösen. Es gilt schon als Erfolg, wenn die nationalistischen Extremisten nicht gewinnen. Den Prognosen zufolge haben sie aber gute Chancen. Nach den Wahlen beginnt das Schwierigste: Die Sieger müssen sich selber besiegen, damit es nicht wieder ein Pyrrhussieg für Serbien wird. In den sieben Jahren nach dem Sturz von Milosevic haben sich alle Siege in Niederlagen verwandelt. Nach sieben Jahren müsste auch den Siegern klar werden: Dies wird Milosevic’ letzter Sieg sein.

László Végel, 1941 als Angehöriger der ungarischen Minderheit in der Vojvodina geboren, lebt als Schriftsteller im serbischen Novi Sad. Er arbeitete als Redakteur und Dramaturg und war Geschäftsführer des Büros der Soros-Foundation in Novi Sad, von 1994 bis zu dessen Schließung im Jahr 2000. Seit 1968 hat er sechs Romane, sieben Essaybände sowie mehrere Theaterstücke veröffentlicht. Zurzeit lebt er als DAAD-Stipendiat in Berlin. – Seinen Text hat Hans Skirecki aus dem Ungarischen übersetzt.

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