Mein erstes Konzert in Gaza : Die musikalische Revolution

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, schreibt im Tagesspiegel über sein erstes Konzert in Gaza.

Daniel Barenboim
Friedensmission. Daniel Barenboim mit europäischen Musikern in Gaza.
Friedensmission. Daniel Barenboim mit europäischen Musikern in Gaza.Foto: AFP

Die revolutionären Ereignisse in Ägypten, Tunesien, Libyen, Bahrain oder Jemen nach Jahrzehnten politischen und sozialen Stillstandes, der „arabische Frühling“, haben unsere Ansichten über die Perspektiven und das Potenzial des Nahen Ostens grundlegend und nachhaltig verändert. Die Ereignisse, die fast ausschließlich von der gut informierten und über digitale Medien vernetzten Jugend initiiert und getragen wurden, haben sich mit bemerkenswertem Tempo entwickelt und uns gezeigt, dass verkrustete und scheinbar unveränderliche Strukturen von einer vom Volk ausgehenden Bewegung zerschlagen werden können. Es war in diesem hoffnungsvollen Geiste, dass wir nach Gaza aufbrachen.

Die Ungerechtigkeit und Kurzsichtigkeit der israelischen Blockade, die eine Kollektivschuld über ein ganzes Volk verhängt, hat neben den politischen Implikationen zur Folge, dass die Lebensqualität der Menschen in Gaza extrem beeinträchtigt ist. Meine Erfahrung hat mir dennoch gezeigt, dass, obwohl die Zivilisten in Gaza oftmals unerträglichen Umständen ausgesetzt sind, sie dennoch Hoffnung bewahren und aktiv an einer besseren und friedlichen Zukunft arbeiten. In diesem Sinne gleichen sie vielen Israelis, und es bleibt die Frage, wie diese Menschen, die doch ähnliche Ziele haben, in Kontakt treten und eine Beziehung zueinander aufbauen können.

Historisch war Gaza von jeher von fremden Mächten dominiert – zunächst 400 Jahre unter osmanischer Herrschaft, gefolgt von der Annektierung durch das britische Imperium und zuletzt die ägyptische Besatzung. Diese aufeinanderfolgenden Perioden fremder Dominanz hatten zur Folge, dass Gaza völlig isoliert und vom Rest der palästinensischen Bevölkerung abgeschnitten war. Im Gegensatz dazu war das Westjordanland zwar unter jordanischem Einfluss, der große palästinensische Anteil an der jordanischen Bevölkerung bedeutete aber, dass es einen engeren Kontakt zwischen der Bevölkerung auf beiden Seiten des Jordans gab als zwischen Gaza und seinen ägyptischen Nachbarn. Der so stark ausgeprägte Drang der Menschen in Gaza nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit lässt sich klar durch diese geopolitischen Besonderheiten erklären und kann heute nur durch einen autonomen und souveränen palästinensischen Staat befriedigt werden.

Die Jugend in Gaza ist gut informiert und bestens ausgebildet

Die besonderen Umstände in Gaza hatten aber auch die Entwicklung einer jungen und dynamischen Zivilgesellschaft zur Folge. 85 Prozent der rund 1,2 Millionen Einwohner sind jünger als 30, und trotz der Blockade ist es gelungen, zwölf Universitäten zu bauen und diese in- stand zu halten. Diese junge Generation ist extrem gut ausgebildet und zudem höchst ambitioniert. Sie wird daher eine entscheidende Rolle in der zukünftigen Entwicklung der Region spielen. Das primäre Ziel unserer Reise nach Gaza war es, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten und ihnen unsere Solidarität auszusprechen. Unsere Mission war absolut unpolitischer Natur und wir hatten keinerlei direkten Austausch mit dem aktuellen Regime in Gaza. Es war auch kein Mitglied der Hamas-Regierung beim Konzert vertreten, das Publikum bestand vielmehr aus Kindern und Mitgliedern von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen. Es war ein lang von mir gehegter Wunsch, nach Gaza zu reisen, denn für mich stellt die Isolation Gazas einen der verstörendsten Aspekte des israelisch-palästinensischen Konfliktes dar. Ich wollte die Blockade brechen, zumindest auf kultureller Ebene.

Frühere Versuche, diese Reise zu realisieren, waren leider gescheitert. Ein großes Problem jeder Reise nach Gaza ist die Einreise selbst, und die ägyptische Interimsregierung hatte als eine ihrer ersten Maßnahmen die Grenze in Rafah wieder geöffnet, die seit 2007 geschlossen war. Dies bedeutete, dass wir über Ägypten nach Gaza einreisen konnten. Das Konzert am 3. Mai wurde gemeinsam mit den Vereinten Nationen, insbesondere Unrwa und Unesco veranstaltet, aber die Umsetzung war nicht zuletzt durch eine enge Zusammenarbeit mit der neuen ägyptischen Regierung möglich. Ich konnte eine der besten Gruppen von Musikern zusammenstellen, die ich je dirigiert habe: Mitglieder der Staatskapelle Berlin, der Berliner Philharmoniker, der Wiener Philharmoniker, des Orchèstre de Paris und des Orchesters der Mailänder Scala erklärten sich bereit, mich zu unterstützen und haben bemerkenswerten Mut und Menschlichkeit gezeigt.

Unsere Ankunft in Ägypten am 2. Mai traf mit einem großen politischen Ereignis zusammen, das die folgenden 24 Stunden dominieren würde: die Tötung Osama bin Ladens in Pakistan. Auch wenn das Konzert ausschließlich in Kooperation mit den Vereinten Nationen veranstaltet wurde, mussten wir uns doch auf die Hamas-Führung verlassen können, was Sicherheitsfragen betraf. Meine Erfahrungen mit arabischer Kultur haben mir gezeigt, dass Musik nur zu freudigen Ereignissen genossen werden darf, und tatsächlich, im Laufe des Tages wurde deutlich, dass die Hamas-Führung (nachdem sie zunächst eine inakzeptable Erklärung zu bin Ladens Tod abgegeben hatte) große Bedenken hatte. Sie wollten nur einen Tag nach bin Ladens Tod kein Konzert erlauben, da sie besorgt waren, dass radikale islamistische Gruppen dies als Hamas-tolerierte Feier interpretieren würden. Das Konzert war so gut wie abgesagt, obwohl das Orchester längst in der äyptischen Grenzstadt El Arish eingetroffen war. Wir warteten bis in die frühen Morgenstunden, dann bekamen wir endlich grünes Licht.

Nach bin Ladens Tod wollte die Hamas kein Konzert erlauben

Das Konzert selbst bestand aus einem reinen Mozart-Programm und fand in Gazas einzigem Nationalmuseum statt, „Al Mathaf“, einem Privathaus, dessen Eigentümer eine Sammlung historischer Artefakte aus Gaza angelegt hat. Sein Vorsatz, die Geschichte Gazas zu dokumentieren und zu erhalten und gleichzeitig zur Entwicklung einer modernen Gesellschaft beizutragen, ist symptomatisch für die positive Dynamik, die wir in Gaza erlebt haben. Die etwa 500 Zuhörer feierten die Musiker enthusiastisch. Nach dem Konzert nutzte ich die Gelegenheit, dem Publikum zu erklären, warum wir gekommen waren: dass wir ihnen unsere Solidarität aussprechen wollten und an die Fähigkeit der Zivilgesellschaft in Gaza glauben, eine bessere Zukunft zu schaffen; dass die Absicht, einen unabhängigen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu schaffen, gerechtfertigt ist; und dass jegliche Lösung des Konfliktes nur mit friedlichen Mitteln erreicht werden kann, denn Gewalt würde die gerechte Sache der Palästinenser nur schwächen.

Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, die Reformbewegungen im Jemen, in Libyen und Bahrain haben uns gezeigt, dass Reform und Fortschritt von der Bevölkerung selbst ausgehen werden und nicht von Regierungen. In Gaza haben wir uns den Menschen verbunden gefühlt. Wir sahen eine Chance, uns mit ihnen auszutauschen, unabhängig von politischen Limitierungen. Die wichtigste Lektion für uns muss daher sein, dass wir Brücken zwischen Menschen und Völkern bauen können und uns nicht auf Regierungen verlassen dürfen, dieses für uns zu tun. Es wird zu lange dauern, bis sich Regierungen verständigen. Wir hingegen können uns mit den Menschen in Gaza jetzt verständigen. Auf die gleiche Art und Weise können die Zivilgesellschaften in Israel und Gaza sich jetzt einander annähern und Gemeinsamkeiten finden, selbst wenn auf Regierungsebene eine Annäherung noch undenkbar scheint. Vielleicht können die Regierungen eines Tages die Brücken passieren, die die Zivilgesellschaften gemeinsam gebaut haben, und diese auch für politischen Fortschritt nutzen.

Mein Traum ist es, weiter in Gaza zu arbeiten, dorthin regelmäßig zurückzukehren und zu der bemerkenswerten und dynamischen Zivilgesellschaft, die ich dort kennengelernt habe, beizutragen. Ich hoffe, eines Tages dort mit dem West-Eastern Divan Orchestra auftreten zu können, denn es bleibt ein trauriges Faktum, dass das Orchester in vielen Ländern der Welt beinahe mythischen Status erreicht hat und dennoch nicht in den Ländern auftreten kann, aus denen seine Mitglieder stammen. Aber wir setzen unsere Mission fort, Grenzen zu durchbrechen.

Am Sonntag, dem 22. Mai um 16 Uhr, gastiert Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan-Orchestra in der Philharmonie. Der Autor ist Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden.

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