Kultur : Mein erstes Radio

Fremde Heimat: Der Kölner Kunstverein erzählt an vier Schauplätzen die Geschichte der Migration in Deutschland

Christina Tilmann

Als Fatih Akin, strahlender Berlinale-Sieger des vergangenen Jahres, auf der Pressekonferenz gefragt wurde, wie sich der Erfolg als Türke in Deutschland anfühle, reagierte er ungnädig: Er sei in Hamburg geboren und fühle sich als Deutscher. Und das Wort Gastarbeiter sei für ihn ein Schimpfwort. Auch die Hip-Hopper von „Advanced Chemistry“ kennen das Problem: Da werden sie auf der Straße gefragt, wann sie denn wieder nach Hause fahren, und wenn sie sagen, „zu Hause“ sei für sie Deutschland, folgt blankes Befremden. Und der dunkelhäutige Ijoma Mangold, Feuilletonredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, erzählt in der Ausstellungszeitschrift, wie ihn einmal vier freundliche alte Damen im Zug fragten, woher er sei, und nach der Antwort „aus Heidelberg“ weiterbohrten: „Und Ihre Mutter?“ – „Aus Schlesien.“ – „Ach, Tunesien, das haben wir uns gedacht.“

Migrantengeschichten der zweiten Generation. Den Kampf, den Akins Kinoheldin Sibel in „Gegen die Wand“ so leidenschaftlich führt, kämpft sie stellvertretend für viele: Sie sind in Deutschland geboren, die Eltern leben noch den türkischen Traditionen verhaftet. Kehren sie in die Türkei zurück, sind sie dort als „Deutschländer“ ebenfalls fremd. Die Kinder stehen zwischen den Kulturen. Eine ganze Reihe zumeist türkischstämmiger Autoren und Filmregisseure haben das Lebensgefühl dieser Generation in den letzten Jahren mit großem Erfolg thematisiert: Regisseure wie Fatih Akin, Thomas Arslan, Kutlug Ataman oder Hussi Kutlucan, Autoren wie Feridun Zaimoglu mit seiner „Kanak Sprak“.

Dem Schicksal der Eltern, die zwischen 1955 und 1973 in die Bundesrepublik kamen, mit der Hoffnung auf Arbeit, Lohn und schnelle Rückkehr, ist nun, zum 50. Jahrestag des ersten Anwerbevertrags mit Italien, eine Großausstellung in Köln gewidmet. „Projekt Migration“, veranstaltet vom Kölner Kunstverein an vier Orten in der Stadt und verbunden mit einem Filmfestival, Symposien, Diskussionsveranstaltungen und Konzerten, ist das Ergebnis eines Langzeitprojekts der Bundeskulturstiftung, die sich seit drei Jahren mit dem Thema beschäftigt. Und es ist ein Auftritt von „DOMiT“, dem Kölner Dokumentationszentrum für Migration in Deutschland, das sich schon lange die Erhebung in den Museumsrang wünscht. Beteiligt sind auch die Uni Frankfurt und die Kunsthochschule Zürich. Herausgekommen ist ein Spagat zwischen Wissenschaft, Dokumentation und Kunst. Eine Überforderungsausstellung, ein heterogener Zettelkasten, kaum mehr als eine erste Bestandsaufnahme. Und ein Versprechen auf mehr.

Das fängt schon vor der Tür des Kölnischen Kunstvereins an: Ein alter Ford-Transit, vom Künstler mit DOMiT-Gründer Aytac Eryilmaz in der Türkei aufgekauft und wieder nach Deutschland rückgeführt, ist eng mit der Geschichte der Türken in Deutschland verknüpft. 1958 fand eine erste Gruppe von türkischen Lehrlingen bei Ford in Köln einen Ausbildungsplatz, nach dem Vermittler Theodor Heuss nannte man sie die „Heuss-Türken“. Der Ford Transit, seit 1965 in Deutschland produziert, wurde für Transporte und Urlaubsfahrten in die Türkei genutzt, entlang der legendären Transitstrecke Autoput (E 5) von München über Zagreb, Belgrad, Sofia nach Istanbul. Viele Türken, die in die Türkei zurückkehrten, nahmen ihren Transit mit und nutzten ihn dort etwa als „Dolmus“, als Sammeltaxi.

Das eigene Auto war nur eins der Konsumträume, die sich im Wirtschaftswunderland Deutschland erfüllten. Eine ganze Fotostrecke in Köln zeigt Schnappschüsse der ersten selbst gekauften Autos mit den stolz davor posierenden Besitzern: Beweisbilder für die Heimat, dass sich die Reise gelohnt hat. Ein „Dschandschat-Boy“ war ein anderes solches Statussymbol, ein erschwingliches Radio aus dem Hause Grundig. Und der erste Fernseher, die Polstergarnitur, die Schrankwand, die Kamera. Da ist viel alte Bundesrepublik in diesen stolzen Fotos der fein gemachten kleinen Tochter am Rhein oder des Ausflugs ins Grüne. Man posiert mit Hut und Glockenrock, beim Fußballspiel oder im Schnee. Alltagsbilder, Familienbilder, in nostalgischen Agfa-Farben. Ganz normales Leben – in einem fremden Land.

Es ist dieses von DOMiT gesammelte Dokumentarmaterial, das die Selbstverständlichkeit deutlich macht, mit der die Migrantenkulturen zur eigenen Geschichte, zur eigenen Lebenswelt gehören. Die Türken waren zwar die größte Gruppe, aber bei weitem nicht die einzige, die seit den Fünfzigerjahren nach Deutschland kam. Italiener, Griechen, Spanier, Jugoslawen, Portugiesen, Koreanerinnen und Chilenen strömten in die BRD, fünf Millionen insgesamt, aus wirtschaftlichen Gründen, oft auch auf der Flucht vor politischer Verfolgung daheim. Es formiert sich, unterstützt durch nationalsprachige Radiosender und Zeitschriften, ein Widerstand im Exil. Griechen und Spanier kämpfen um bessere Schulbildung, Italiener in Frankfurt gegen Wuchermieten in Abbruchhäusern, Gastarbeiter in den Fabriken von Pierburg in Neuss, Karmann in Osnabrück oder Ford in Köln streiken für bessere Arbeitsbedingungen und haben Erfolg. Arbeitsverträge, Streikaufrufe, Lohnabrechnungen, Hausordnungen der Wohnheime künden in Köln von dieser frühen Gastarbeiterzeit – und in einer Wochenschau werden junge koreanische Krankenschwestern, die auf dem Kölner Flughafen ankommen, enthusiastisch begrüßt. Dass die hervorragend ausgebildeten Fachkräfte in den meisten Fällen nur für Niedriglohnjobs gerufen wurden und den Deutschen einen schnellen Aufstieg ermöglichten, bleibt dort unerwähnt.

Eine Facette ist erst in den letzten Jahren in den Forschungsblick gerückt: die „Vertragsarbeiter“ der DDR. Was in der BRD die Türken, Italiener und Griechen, waren in der DDR die Vietnamesen, Angolaner, Kubaner und Mozambikaner. Mit dem Unterschied allerdings, dass ihr Arbeitsleben in Deutschland erst 1990 und dafür ein umso abrupteres Ende fand. Nach Ende der Staatsverträge der DDR wurden auch die Arbeitsverträge gekündigt, die Abschiebung eingeleitet. Das Foto einer Vietnamesin, die traurig auf ihre Abreise wartet, erinnert daran. Wer als Asylbewerber blieb, wie die Plattenbewohner in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen, erlebte Anfang der Neunziger schlimmste rassistische Ausschreitungen. Der Tod des in Mozambique geborenen Alberto Adriano, der im Juni 2000 in Dessau von drei Skinheads zu Tode geprügelt wurde, hat die Hip-Hop-Vereinigung „Brothers Keepers“ zu einem wütenden Protestsong veranlasst. Migration ist Gegenwart, nicht Vergangenheit und Geschichte.

Das zeigen auch die über 80 in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke, die gerade in den jüngsten Arbeiten von Abschiebung und Rassismus, Prostitution, neuen Grenzen und Kriegen handeln. Und angesichts der Fülle und Farbigkeit des authentischen Materials doch fast immer einen schweren Stand haben. Sie sind, kaum verwunderlich, dort am stärksten, wo auch sie auf dokumentarischen Grundlagen beruhen: etwa die Videoarbeit von Zelimir Zelnik, der 1975 die Bewohner eines Mietshauses in der Metzstr. 11 porträtiert. Oder die Kölner Fotografin Candida Höfer, heute mit menschenleeren Raumfolgen bekannt, die 1976 „Türken in Deutschland“ porträtiert, stolz posierend in den eigenen Fleischereien, Supermärkten, Cafés. Viel hat sich nicht verändert. Dazu Dokumentar- und Zeitungsfotos von Brigitte Kraemer, Mariy Stroux, Wolfgang Staiger, Manfred Vollmer oder Erik-Jan Ouwerkerk.

Vor allem erfährt man in Köln vieles, was in Vergessenheit geraten ist: zum Beispiel, dass die am Münchner Hauptbahnhof ankommenden Gastarbeiter zunächst in einem alten Luftschutzbunker gesammelt und verteilt wurden. Man wollte der deutschen Bevölkerung unerwünschte Erinnerungen an die Zwangsarbeiterkolonnen der Nationalsozialisten ersparen. Oder die Zuzugssperre, mit der Berlin 1974 Bezirke wie Wedding und Kreuzberg für Einwanderer schloss, um eine „Überfremdung“ zu vermeiden. Die Sonderzüge für die Sommerferien in Italien und die Sprachkurse und Wörterbücher. So viele Erinnerungen. So viele Geschichten. Und Geschichte, deutsche Geschichte. Warum sie uns erst jetzt interessiert, im sicheren Raum der Ausstellung? Wir hätten doch nur zu fragen brauchen.

Projekt Migration. Kölnischer Kunstverein, bis 15. Januar 2006. Katalog (Dumont) 48 Euro, Ausstellungsführer 2 Euro. Informationen: www.projektmigration.de

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